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OLG München: “Draußen nur Kännchen!”

draussenDie besten Satiren schreibt das Leben selbst. Wenn menschliche Dummheit nicht so himmelschreiend weh tun würde, könnte man sich köstlich über das Gebaren des OLG München im Rahmen des anstehenden NSU-Prozesses amüsieren. Es ist an sich schon tragisch genug, was in der Zeit vor der ersten Tat bis zur Prozesseröffnung alles schief gelaufen ist und unser Staat hat sich wahrlich nicht von seiner kompetentesten Seite gezeigt – im Gegenteil. Doch dass es nun auch noch möglich ist, dass eine handvoll unsensibler Querulanten in der Lage ist durch reinen Stursinn dem Ganzen die von braunem Rost befallene Krone aufzusetzen, zeigt einmal mehr die abgrundtiefe Kluft zwischen Sonntags(trauer)reden und der Realität im Umgang mit solchen Vorgängen.

Was sagt es über eine Gesellschaft aus, die in der Lage ist ganze Stadien für Einzelauftritte mittelmäßig anspruchsvoller Comedians umzufunktionieren, es jedoch nicht gebacken bekommt, ausreichend Platz für sämtliche Prozessbeteiligten in einem der größten Rechtsextremismusprozesse der bundesrepublikanischen Geschichte zu organisieren?

Auch wenn dies eine bösartige Unterstellung meinerseits ist, so werde ich einfach das Gefühl nicht los, dass aus dem historischen Blickwinkel deutscher Rechtssprechung hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Es geht halt nicht um die Pontows, Bubacks und Schleyers sondern nur um eine handvoll mutmaßlich selbst krimineller Dönerverkäufer. Wider besseren Wissens um die tragweite dieser als „Dönermorde“ verschrieenen Taten scheint diese Denke noch immer unterschwellig im Bewusstsein der Zuständigen vorzuherrschen.

In den 70er Jahren, als ein Netzwerk linksextremistischer Verbrecher über ein Jahrzehnt lang Deutschland in Angst und Schrecken versetzte, scheute man keine Kosten und Mühen, weder im Aufwand der Fahndung, noch in der Reihe von Prozessen, die daurauf folgte. Man baute sogar in der Justizvollzugsanstalt Stammheim für 12 Millionen DM eine eigene Mehrzweckhalle für den RAF-Prozess. Ebenfalls ein Prozess, der sich – wie im NSU-Prozess ebenso zu erwarten – über Jahre hinzog und zu dessen Beginn man nicht wusste, welche Ausmaße er annehmen würde.

Denn wer weiß schon, was in den kommenden Monaten oder Jahren noch so alles zutage gefördert wird, welche Akten noch gefunden, welche Beteiligten noch ermittelt werden und welche Prozesse zusätzlich noch in diesem Umfeld eröffnet werden müssen? Nach den unzähligen Entdeckungen der vergangenen Monate, ist nicht auszuschließen, dass noch mehr in irgendwelchen Akten schlummert, von dem auch heute noch keine Aufklärungskommission und noch kein Untersuchungsausschuss sich auch nur vorstellen kann, dass es existiert.

Doch bliebe der Prozess nur auf die heute bekannte und vorhersehbare Größe beschränkt, so ist es dennoch eine Verhandlung bei der zehn Morde behandelt werden sollen und an dem sich über 70 Nebenkläger sowie an die 50 Anwälte beteiligen, ganz zu schweigen von dem öffentlichen Interesse des Prozesses, der weit über das gewohnte Maß hinausgeht und auch international beobachtet werden wird. Wir stehen vor einem zeitgeschichtlichen Ereignis, über das wohl in den nächsten Jahrzehnten dutzende Bücher und Filme entstehen werden und dem die Enkel von Guido Knopp mehr als eine Folge History widmen werden. Warum also in Gottes Namen nun eine solche kleinkarierte Verbohrtheit?

Zumal das Problem recht einfach zu lösen wäre – auf verschiedenste Weise: So könnte man beispielsweise ebenfalls eine größere Örtlichkeit wie etwa eine Mehrzweckhalle umfunktionieren. Natürlich würde man dann in Anbetracht der zu erwartenden Länge hierbei auf Widerstand der eigentlichen Nutzer stoßen, wobei man jedoch auch hier garantiert Wege zur Lösung finden könnte, wenn man denn wollte. Ebenso wäre es möglich in oben genanntes Prozessgebäude in Stammheim umzuziehen, denn dieses ist entgegen der damals vorgesehenen späteren Nutzung dennoch immer wieder für Prozesse von gewisser Größenordnung genutzt worden und nicht etwa als Sporthalle, wie man seinerzeit dachte. Denn was spricht dagegen, dass das OLG München im Rahmen einer Amtshilfe die Räumlichkeiten des OLG Stuttgart nutzt, außer dass die zuständigen Richter dann ein paar Kilometer mehr Anreisezeit hätten? Zumal es ungeachtet juristischer Zuständigkeiten um einen Prozess geht, der die ganze Republik angehen sollte.

Erschreckt war ich auch, als ich den O-Ton irgendeines Pseudo-Organisators im Fernsehen sah, welcher meinte, dass eine Übertragung etwa auf Leinwand nicht realisierbar sei. Warum auch? Wir leben in einer Zeit, in der jede kleine Eckkneipe es schafft für zwanzig Stammgäste sieben Großbildleinwände auf dem Bürgersteig zu postieren, um ein Fußballspiel zwischen Usbekistan und Trinidad und Tobago zu verfolgen und in der nicht nur die Wagnerfestspiele live ins Internet gestreamt werden sondern selbst kleinstkommunale Standesamte Eheschließungen via Webcam beobachten lassen können. Da wäre es doch abwegig und vermessen zu erwarten, dass Ähnliches bei einem solchen Prozess organisiert würde – etwa in Form eines eigens eingerichteten Presseraums mit Leinwand, auf der die Medienvertreter das Geschehen live verfolgen könnten und ihnen dabei noch die Möglichkeit zu Liveschalten bei Kaffee und Kuchen gegeben wäre.

Stattdessen wählt man einen der räumlichen Dimension nach ungeeigneten Saal mit begrenzter Platzzahl und handelt nach dem Prinzip „first come, first serve“ als handele es sich um ein Justin-Bieber-Konzert, bei dem sich Menschen stundenlang im Voraus für Karten anstellen und verbietet ähnlich wie bei Eintrittskarten zu Fußballgroßevents die persönliche Übertragbarkeit der Eintrittskarten.

Wenn mich an meinem sonst in vielerlei Hinsicht so faszinierenden Vaterland eines stört, so ist es das ewige Rumreiten auf angeblich so alternativlosen Regelungen. Getreu der alten Maxime: „Draußen nur Kännchen.“ Oder wie es seinerzeit spöttisch aus Russland (sic!) hieß: „Wenn der Deutsche Revolution auf dem Bahnhof macht, hat jeder Teilnehmer eine gültige Bahnsteigkarte.“

Um meinem Blutdruck wieder Herr zu werden und nicht die Tischplatte zu gefährden, auf die ich gerade geneigt bin, meinen Kopf aufgrund dieser Schildbürgerei unablässig zu schlagen, sollte ich vielleicht langsam zum Ende kommen.

Es ist schon traurig zu sehen, dass es in unserem Lande möglich ist, dass es einer handvoll uneinsichtiger Hinterwäldler gelingt, einen solchen Eklat überhaupt entstehen zu lassen und schlimmer noch, dass ebenjene, wenn sie auf offensichtliche Mängel in ihrer Organisation hingewiesen werden, nicht in der Lage sind umzudisponieren. Zudem ist es tragischerweise ein weiterer metaphorischer Schuss aus der Česká der NSU, dieses Mal abgefeuert aus einer kleinen Terrorzelle inmitten des deutschen Justizapparates.

So sehr ich den Opferfamilien, die wahrlich genug zu ertragen hatten in den letzten Jahren, wünsche, dass man ihnen nun endlich mit dem angemessenen Respekt gegenübertritt und sie zumindest ansatzweise die ihnen gebührende Gerechtigkeit erfahren, so sehr wünsche ich den Zuständigen des OLG München, dass ihnen dieser ganze Prozess dermaßen um die Ohren fliegt, dass er auf ewig als Beispiel schlecht gemachter bürokratischer Organisation Eingang in die Geschichtsbücher finden wird, auf dass auch nachfolgende Generationen über ein solches Maß an Unfähigkeit lachen werden. Gott mit dir, du Land(esgericht) der Bayern!

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Make way for the young

Der mit fünf Oskars ausgezeichnete Film „The Artist“ hat diese vollends verdient, denn er passt wie kein anderer in unsere Zeit. Damit meine ich nicht, wie manchen Kommentatoren der Oskarverleihung zu entnehmen war, dass dieser Erfolg zum einen einem Anflug von Nostalgie, zum anderen einer Zuträglichkeit der Selbstreferentialität Hollywoods geschuldet sei. Vielmehr ist es so, dass dieser Film auf beinahe Shakespearische Art und Weise ein Spiegel des heutigen Zeitgeistes ist, der auch auf ähnliche Techniken zurückgreift, wie es beispielsweise „Hamlet“ tut.

Vordergründig sind die Parallelen zu heute recht eindeutig: Die Geschichte, die in Zeiten einer Wirtschaftskrise angesiedelt ist, beschreibt eine Zeitenwende ausgelöst durch eine neue Technologie, die einen Umbruch erwirkt, der „die Alten“ verdrängt, um „den Neuen“ den Weg zu bereiten. So weit, so gut. Doch steckt die eigentliche Genialität dieser Analogie wie meist in den gewollten oder ungewollten Details.

Ebenso wie beim Übergang von Stumm- zu Tonfilm, ist auch heute beim Fortschritt hin zu Internet und Social Media der Bildschirm der Platz, an dem sich dieser Wandel vollzieht. Wie damals auch, steht auch das Individuum vor neuen Anforderungen, um diese Transformation bewältigen zu können. Neue Fertigkeiten sind gefragt, auf die es in der Welt zuvor nicht ankam und die ehemals Erfolg versprechenden Fähigkeiten sind nur noch zweitrangige Kriterien. Der talentierte Mime kann nur dann seinen Fortbestand sichern, wenn es ihm gelingt, sein Spektrum um die Sprache zu erweitern – andernfalls wird er keinen Platz in der neuen Realität finden.

Dieser zentrale Gedanke des Films wird in einem einzigen Satz kondensiert, der die ganze Tragik solcher Umstürze in sechs Worten ausdrückt: „Nobody wants to see me speak.“ Hier zeigt sich, dass es nicht nur auf eine Umstellung zum Sprechen ankommt, sondern, dass dies nur dann gelingen kann, wenn man einem komplett neuen Paradigma folgt und auch das Denken und seine Sicht auf die Welt verändert. In diesem Satz prallen diese beiden Welten auf drastische Weise aufeinander, denn alleine dass der Protagonist George Valentin behauptet, dass niemand in sprechen „sehen“ will, entlarvt er sein in der alten Realität verhaftetes Denken. Seine Sicht ist noch durch das Paradigma des Sehens geprägt, nicht des Hörens.

Paradoxerweise stellt man, wenn man den Vergleich zu heute zieht, fest, dass hier jeweils die gleichen Sphären aufeinander treffen, wenn auch in gespiegelter Form. Akustik und Optik stehen sich gegenüber. Galt im Stummfilm noch das geschriebene Wort als zentrales Element zwischenmenschlicher Kommunikation ist es im Tonfilm das gesprochene – heute stehen wir vor der absolut gegensätzlichen Entwicklung, in der das geschriebene Wort in der Onlinewelt zunehmend das gesprochene Wort der realen Begegnung verdrängt. Somit findet in gewisser Weise ein Rückschritt nach vorne statt, eine neue Ebene wird betreten.

Die genannten Parallelen sind es auch, die uns in ihren Bann ziehen und ein, im wahrsten freudschen Sinne des Wortes, unheimliches Indentifikationspotential mit George offenbaren. Dies wurde in meinem persönlichen Falle ganz besonders in der Alptraumszene des Films deutlich, in der George sich in einer von Klängen erfüllten „Tonwelt“ wiederfindet, selbst jedoch nicht in der Lage ist, einen Laut von sich zu geben. Auch ich habe in den letzten Jahren ab und an davon geträumt, dass ich von Facebookposts und Twittermeldungen überwältigt werde und nicht mehr in der Lage bin, meiner selbst Ausdruck zu verleihen. Wobei diese Angst vor Ohnmacht vielleicht noch deutlicher wird, wenn man sich einmal vor Augen führt, wie schnell man doch unruhig wird, wenn aufgrund techschnicher Probleme auf einmal kein Zugang mehr zur Onlinewelt besteht. Erst gestern Abend kam es bei mir mal wieder zu so einer Situation, da ein Virus jedwede Benutzung meines Laptops blockierte. Alleine der mobile Zugriff auf das Netz via iPhone verhinderte, dass ich in die sich sonst einstellenden Ohnmachtsmuster verfiel, die mich in ähnlichen Situationen schon überkamen. Denn schließlich konnte ich so die Problemlösung dennoch erreichen, was nur möglich ist, wenn man ein Zweitgerät besitz – auch wenn dies all die Anbieter noch nicht verstanden haben, die in ihren Handbüchern unter dem Punkt zu Installationsproblemen auf online verfügbare Informationen verweisen.

Bevor ich nun von meiner individuellen Bindung zu diesem Film wieder fortschreite, lasse ich gerade noch einmal meinen Blick durch mein Zimmer schweifen: Mehrere hundert Bücher umgeben mich – ihres Zeichens Symbole des alten Paradigmas. Sie sind die Schrifttafeln der Onlinewelt, denen das gesprochene Wort den Krieg erklärt hat. Doch sie sind es auch, auf die ich mich bisher gestützt habe, die mir das gegeben haben, was ich bin. Nun gilt es den eigenen Stolz, den diese für mich symbolisieren, zu überwinden und mich nicht dem Neuen zu verschließen, wie die berühmten drei Affen, die sich Augen, Mund und Ohren zu halten, welche auch im Film eine starke Metapher für die innere Haltung von George sind. Unheimlich ist es in gewisser Weise, dass diese Bücher ebensogut brennen würden wie die Filmrollen in einer Szene im Film. Doch wenn ich nicht eines Tages wie George, in einer Umkehrung des Dorian-Gray-Motivs, vor meinem eigenen Bild stehend realisieren will, dass ich die Transformation nicht geschafft habe, so komme ich nicht umhin, jetzt meine Lehren aus diesem Film zu ziehen.

So können wir alle unsere Lehren daraus ziehen. Denn wie auch schon in „It’s a Wonderful Life“ so sind wir auch in „The Artist“ alle George. Daher glaube ich auch nicht, dass diese Namensgleichheit reiner Zufall ist – ebenso wie auch der Nachname Valentin ein direkter Verweis auf Rudolph Valentino zu sein scheint, der nur deswegen dem thematisierten Dilemma entging, weil er frühzeitig genug das Zeitliche segnete – im Gegensatz zu vielen Kollegen, deren Karrieren mit der Einführung des Tonfilms ein jähes Ende fanden

Der Erfolg des Films bei den Academy Awards lässt sich wohl zu einem guten Teil auf dieses Identifikationspotenzial zurückführen, wobei er die Analogie, die die meisten Zuschauer der Filmindustrie wahrscheinlich gezogen haben, indem sie eher die offensichtliche Parallele zu Fragen der illegalen Verbreitung und des Urheberrechts sahen, bei Weitem übersteigt. Denn es ist eine der eingangs erwähnten Qualitäten dieses Films, dass er eine Verbindung zwischen verschiedenen Welten aufzeigt. Sowie in den großen Dramen immer eine Gegenüberstellung zwischen Mirko- und Makrokosmos gezogen wird, so zeigt uns auch dieses filmische Meisterwerk durch die Darstellung eines Mikrokosmos – dem Hollywood der 20er/30er Jahre – die Begebenheiten, die sich im gegenwärtigen Makrokosmos – einer global vernetzten Onlinewelt – abspielen.

Auch spielt der Film mit einem beliebten Stilmittel, um diese Verbindung noch zu unterstreichen, indem er matrjoschkagleich das Spiel im Spiel beziehungsweise den Film im Film in den Vordergrund rückt. Ebenso wie George auf der Leinwand verfolgt, wie der Protagonist des dargestellten Films im Treibsand versinkt und dies auf seine aktuelle Situation überträgt, vollzieht auch der Zuschauer diesen Prozess des Transfers und überträgt das Schiksal Georges auf sein eigenes Dasein. Beim Betrachten dieser Szene wird einem Bewusst, dass wir mitten im Treibsand des Fortschritts stecken und so sehr wir auch strampeln, letztlich werden wir untergehen – egal wie wacker wir uns schlagen.

Doch bevor dieser Beitrag jetzt total ins Dystopische verfällt, sollen auch die Aspekte des Films in den Vordergrund gerückt werden, die auch die Hoffnung auf einen Ausweg beflügeln. Jenseits der Liebesgeschichte, die in altbewährter Hollywood-Manier per definitionem ein Happy-Ending hat, beinhaltet der Film sowohl eine innere als auch eine äußere Perspektive. Das externe Hoffnungsmoment entsteht dadurch, dass es dem Film per se gelang so viele der heiß begehrten Trophäen zu ergattern, obschon er doch recht atypisch ist im Vergleich zu Preisträgern der vergangenen Jahre, und auch erstmals seit der Zeit der Handlung wieder ein schwarzweißer Stummfilm überhaupt ausgezeichnet wurde. Dies zeigt, dass man heute auch jenseits purer Nostaligie die Kunstfertigkeiten dieses Genres anerkennt trotz oder gerade weil er unserer modernen Welt diametral entgegensteht. Überdies zeigt sich auf der Ebene des Plots, dass die Gefühle, die Geschichten und Schiksale sowieso über alle Mode erhaben sind und sich in jeder Zeit aufs Neue gewissermaßen wiederholen.

Die interne Aussicht, mit der der Film aufwartet, gefällt mir jedoch noch wesentlich besser. Denn der Film macht uns klar, dass bei jedem Wandel, die alten Fähigkeiten nicht ganz verloren gehen. Wenn auch eine Verschiebung stattfindet, so ist das Alte doch auch immer anschlussfähig. So wird auch im Film eine Synergie erzeugt, dadurch, dass man den rein körperlichen Ausdruck alter Tage mit der Neuheit der akustischen Möglichkeiten in Einklang bringt und sie gemeinsam in einer amalgamierten Form, im Film symbolisiert durch den Stepptanz, die Kreativität antreiben und bisher nie Dagewesenes schaffen. Vielleicht wäre es jetzt auch für mich an der Zeit, endlich einmal den Steppkurs zu belegen, den ich immer machen wollte, es jedoch nie getan habe.

+++ Eil: Amy verdrängt Oslo aus dem FB- Newsfeed +++

Die Verbreitung von Nachrichten im Internet ist ein hammerharter Konkurrenzkampf bei dem es nur darum geht, wer die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Vor allem ist dies in den Social Media so, denn hier ist man meist eine Informationsquelle von vielen in einer ganzen Liste von Inputgebern. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal die BILD-Zeitung loben würde, jedoch lässt sie, die sonst immer ob ihrer Sensationsgier gescholten wird, etwas vermissen, was einige „seriösere“ Medien durchaus auf die Spitze treiben: Fast jede Meldung als „Eilmeldung“ oder „Breaking News“ zu verkaufen.

Ganz vorneweg in diesem Zirkus sind die Facebookpräsenzen von n-tv und der Süddeutschen. Hier wird alles als dringliche Nachricht verkauft, ob Ankündigung eines Interviews, Transferzusage in der Bundesliga oder sonstigem Bullshit. Wirklich relevante und „umwerfende“ Nachrichten gehen so in der Kakophonie der „Eils“ und „Breakings“ unter.

Anhand der beiden im Titel genannten Meldungen, kann man eigentlich sehr schön erkennen, was eine Eilmeldung ist und was nicht. Breaking News sind Terroranschläge, Naturkatastrophen oder Ereignisse, die das Potential haben, die Gesellschaft zu erschüttern und meist tiefgreifende Folgen haben. Gerade in diesem Jahr, haben wir leider Gottes davon schon viel zu viele erlebt. Doch diese Abart, uns alles als „hichgradig wichtig“ und „brennend interessant“ unterjubeln zu wollen, nur um aus dem infiniten Grundrauschen der Meldungen herauszustechen ist einfach nur billig und führt dazu, dass man solches Jahrmarktgeschrei gar nicht mehr wahrnimmt.

In meiner Kindheit hatte ich eine Hörspielkassette auf der es eine Geschichte gab, in der ein Hirtenjunge auf eine Herde Schafe aufpasst. Da die Weide etwas den Berg hinauf oberhalb des Dorfes liegt, macht sich der Junge in seinem jugendlichen Leichtsinn einen Spaß daraus, immer wieder die gesamte Dorfgemeinschaft aufzuscheuschen, in dem er ruft: „Ein Wolf, ein Wolf! Ich werde von einem Wolf angegriffen!“ Die Bauern, um ihre Schafe bangend, eilen jedes Mal herbei, um dem Hirten beizustehen und ihm zu helfen, die Gefahr abzuwenden. Doch immer, wenn sie auf der Weide ankommen, stoßen sie lediglich auf den Hirtenjungen, der sich vor Lachen den Bauch hält. Als eines Tages dann wirklich ein Wolf sich der Herde nähert und der Junge abermals um Hilfe schreit, eilt niemand mehr zu ihm, da man der festen Überzeugung ist, er erlaube sich abermals einen Scherz.

Es scheint mir so als würden einige der verantwortlichen Redakteure diese Geschichte nicht kennen. Oder aber sie setzen einen Praktikanten an die Facebookseiten und geben ihm den Hinweis, dass eine Meldung mehr Klicks bekommt, wenn man „Eil“ davor schreibt und drei Kreuzchen macht. Der Leser macht indes drei Kreuze und betet darum, dass dies lediglich ein Ausfluss von Effekthascherei ist und die Wahrnehmung der Redaktionen nicht schon soweit verzerrt ist, dass sie wirklich glauben, dass es sich hierbei um relevante Neuigkeiten handele. Ansonsten kann einem um den seriösen Journalismus Angst und Bange werden.

Um zu den aktuellen Beispielen zurückzukommen: Wenn im Regierungsviertel einer Nation, die sich weder in einer politischen Krise noch in einem Krieg oder einem kriegsähnlichen Zustand befindet, Bomben detonieren, so ist dies eine Eilmeldung wert, wenn eine überdrehte, Drogenabhängige, die neben ihre Drogenkarriere auch noch eine im Popgeschäft gemacht hat, tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, so mag dies zwar tragisch sein, eine Eilmeldung ist es jedoch nicht.

Dass Amy Winehouse seit einigen Stunden den Newsfeed dominiert und die Anschläge von Oslo verdrängt hat, ist an sich nicht tragisch – denn viele, gerade junge Menschen, haben zu ihrem Tod einen direkteren Bezug als zu einem politischen Anschlag. Dass jedoch die Medien hiermit versuchen Aufmerksamkeit zu bekommen, ist eigentlich mehr als widerlich. Dabei ist es in den meisten Fällen recht einfach mittels des vernünftigen Menschenverstandes zu erkennen, was die wirklich relevanten Informationen sind, die es Wert sind besonders gekennzeichnet zu werden:

+++ Eil: Flugzeugabsturz von polnischer Regierungsmaschine +++
aber:
Dirk Nowitzki verlängert Vertrag

+++ Eil: John F. Kennedy erschossen +++
aber:
Johannes Rau verstorben

+++ Eil: Tsunami in Japan +++
aber:
Diese Woche im Interview: Christian Wulff

+++ Eil: Bombe auf Hiroshima abgeworfen +++
aber:
Merkel und Sarkozy einigen sich auf Griechenlandhilfe

+++ Eil: Papst Johannes Paul II gestorben +++
aber:
Guttenberg zurückgetreten

+++ Eil: Explosion in Atomkraftwerk Fukushima +++
aber:
Rheinpegel erreicht Jahreshöchststand

+++ Eil: Grubenunglück in Chile +++
aber:
Demonstration um Stuttgart 21 eskaliert

+++ Eil: Mubarak dankt ab – Kriegshandlungen eingestellt +++
aber:
Koalition beschließt Atomausstieg bis 2021

Diese Liste könnte beliebig weitergeführt werden und wird wahrscheinlich je nach Verfasser ein wenig anders aussehen. Jedoch ist es ein hilfreiches Unterscheidungskriterium, wenn man darauf schaut, ob eine Meldung plötzlich und unerwartet eintritt und eine besondere Relevanz für das Weltgeschehen hat. Es kommt nicht darauf an, wie groß die zu erwartende Resonanz auf die Meldung ist, die eine solche zu „Breaking News“ werden lässt.

Natürlich war der Tod von Michael Jackson für viele ein bewegender Einschnitt, jedoch war es in gewisser Hinsicht das Lebensende eines gewöhnlichen Stars. Eine Nachricht also, die viele zwar erschüttert, bei der es jedoch nicht darauf ankommt, dass man ihr sofort und unverzüglich seine Aufmerksamkeit schenkt. Nimmt man ein anderes Kriterium hinzu – namentlich die potentielle Vorhersehbarkeit eines Ereignisses – so käme man vielleicht zu dem Schluss, dass auch der Tod des Papstes keine Meldung mit Durchschlagskraft war. Hier könnte man jedoch aufgrund der exponierten Stellung, die dieser genießt, durchaus die Relevanz so hoch ansetzen, um eine Rechtfertigung für ein „Eil“ zu haben.

Gerade Ergebnisse eines längeren Prozesses taugen nicht zur Eilmeldung. Wenn sich Politiker in wochenlangen Auseinandersetzungen doch irgendwann einig darüber werden, wie genau eine Hilfe für Griechenland auszusehen habe, so ist dies zwar durchaus von einer politschen Tragweite, jedoch nichts, auf das man sofort den Fokus richten müsste – zumal in diesem Falle auch erst die tiefere Auseinandersetzung mit der Materie das eigentlich Gehaltvolle ist. Allenfalls würde ich eine solche Meldung als „Breaking News“ in Finanzmedien akzeptieren wollen, da in diesem Bereich aus dieser Meldung eine schnelle Reaktion oder eine besondere Vorsicht in der Überwachung der Geschäftsabläufe resultieren könnte.

Unsere Welt und das Weltgeschehen im Ganzen ist gerade in den letzten Wochen und Monaten per se so hektisch wie selten zuvor und die Nachrichtendicht ist bei Gott hoch genug, dass man auf solche Spielereien getrost verzichten kann. Wir kommen doch schon so nicht hinterher, alle Neuigkeiten zu verdauen und adäquat in unser Weltbild zu integrieren – warum also diese künstlich erzeugte Aufgeregtheit?

So sehr der Begriff „Freunde“ in der neuen Medienwelt durch inflationäre Benutzung eine fundamentale, semantische Verlagerung durchgemacht hat und wir demnach eigentlich ein neues Wort für die wirklichen Freunde brauchen, so sehr wird auch der Begriff „Eilmeldung“ obsolet geworden sein, wenn man irgendwann feststellt, dass er vor jeder Schlagzeile zu finden ist.

Hier gilt, wie so oft im Leben: Weniger ist Mehr.

Es muss nicht immer der Gärtner sein

Gestern habe ich durch Zufall zum allerersten Mal die Verfilmung von „Tod auf dem Nil“ mit David Suchet in der Rolle des Hercule Poirot gesehen, erstaunlicherweise kam sofort im Anschluss auf einem anderen Sender die Verfilmung mit Sir Peter Ustinov. Somit hatte ich die perfekte Gelegenheit diese beiden Versionen miteinander zu vergleichen. Auch wenn Ustinov eigentlich nicht wie Hercule Poirot aussieht, da dieser in den Romanen als etwas kleiner, untersetzter Herr mit schwarzen Haaren und Oberlippenbart beschrieben wird, was besser auf das äußere Erscheinungsbild Suchets zutrifft, so finde ich dennoch, dass Ustinov die geeignetere Besetzung ist – dies gilt auch im Vergleich zu Albert Finney. Denn Ustinov schafft es, dieser Figur seinen ganz eigenen Charme zu verleihen.

Vor über zehn Jahren habe ich mal einen ganzen Sommer lang einen Agatha-Christie-Roman nach dem anderen gelesen und schon damals, weil ich zuvor als Kind schon die Filme gesehen hatte, gab es für mich nur einen phänotypischen Poirot und das was Ustinov. Beim gestrigen Direktvergleich fiel mir auch auf, dass die Ustinov-Version generll etwas geschickter gemacht ist. Der ganze Film wirkt dramaturgisch runder und etwas spannender, wohingegen die Suchet-Variante undramatischer daherkommt, wenn sie auch in den Außenszenen, also dann, wenn sich die Reisetruppe nicht gerade auf dem Schiff befindet, etwas unruhiger wirkt. Die frühere Ustinov-Inszenierung rückt zudem einige Dinge eher in den Vordergrund. So werden beispielsweise die verschiedenen Optionen, die Poirot durchspielt, wenn er jeden Einzelnen beschuldigt auch ausgespielt, was zur Veranschaulichung aber auch zur Verwirrung beiträgt. Die Hinweise, die den Zuschauer lenken sollen, werden feiner herausgearbeitet und alles in allem ist mehr Dramatik im Geschehen, auch weil die persönlichen Empfindlichkeiten und Eitelkeiten der Charaktere in dieser wesentlich hochkarätigeren Besetzung besser dargestellt werden.

Auch die Figur Poirots selber, kommt um einiges überzeugender daher, nicht zuletzt aufgrund des schauspielerischen Genies Ustinovs. Zum einen wäre da die Mischung aus britischer Überheblichkeit und kontinentalem Habitus zu nennen, die Poirot an den Tag legt. Diese Attitude des Empires mit einer Brise französicher – Entschuldigung, belgischer – Grundstimmung. Dies kommt auch dadurch, dass auf disen Running-Gag hier wesentlich mehr Wert gelegt wird und auch der Sprachwitz öfter zum Tragen kommt, etwa wenn Poirot eine Muräne serviert bekommt, obwohl er darum bat, dass man ihm Morcheln bestelle, nur weil der Beauftragte „morille“ falsch übersetzt, oder der übezeugte Junggeselle verdutzt angeschaut wird, weil statt „j’ai faim“, „j’ai famme“ verstanden wurde.

Doch die besondere Gabe von Ustinovs Darstellung ist, dass man ihm quasi dabei zuschauen kann, wie Poirot denkt. Fast gewinnt man den Eindruck, sein Gehirn funktioniere mechanisch und man könne jeden Moment die Räder rattern hören. Auch steht wesentlich deutlicher im Vordergrund, dass er alle Anwesenden so lange verdächtigt, bis er sich ihrer Unschuld bewusst ist – ein zentrales Element der Figur Poirot, der via Ausschlussverfahren mit Hilfe seiner „kleinen grauen Zellen“ noch jeden Fall gelöst hat.

Diese Herangehensweise unterscheidet ihn nämlich von der anderen großen Christie-Figur Miss Marple, die ihrerseits den Möder meist dadurch findet, dass sie Analogien entwickelt. Entweder indem sie die Beteiligten mit ihr Bekannten Personen vergleicht, um Rückschlüsse auf den Charakter zu ziehen oder indem sie in dem Fall eine Parallele zu einem ihrer heißgeliebten Kriminalromane entdeckt, wie es in „Mörder Ahoi“ der Fall ist.

Letzteres ist übrigens ein wunderbares Beispiel, wie Agatha Christie durch Querverweise das Lesevergnügen um ein vielfaches erhöht. Der Roman im Roman trägt nämlich in diesem Falle den Titel „The Mousetrap“, eben jenen Titel, den Shakespeare in Hamlet seinem Spiel im Spiel verleiht. Auch sonst findet man bei der Krimiautorin eine vielzahl von Referenzen. So kann man fast sagen, dass Agatha Christie in ihrem ganzen Werk immer wieder Werbung für die eigenen Geschichten versteckt. So zum Beispiel, wenn Nebencharaktere Hercule Poirot ansprechen um ihm mitzuteilen, dass sie schon viel von seinen Fällen gehört hätten, allen voran den „ABC-Morden“ oder gar eine Reise sich über mehrere Romane erstreckt, wie im Falle von „Tod auf den Nil“, welches auf der gleichen Reise Poirots angesiedelt ist, wie „Mord im Orientexpress“.

Zu „Mord im Orientexpress“ gibt es noch eine interessante persönliche Anekdote: Seinerzeit hatte ich den Roman gelesen und war, wie so oft, bis zum Schluss nicht auf die Lösung gekommen. Als ich mir dann den Film anschaute, stieß mein Bruder hinzu, der damals noch die Angewohnheit hatte, ständig zu fragen, was denn nun passieren würde. Da ich jedoch mit der Antwort nicht rausrückte, stand er irgendwann verärgert auf und meinte: „Der Film ist langweilig – entweder war es keiner oder es waren alle.“ Eben jene beiden möglichen Ausgänge, die Poirot bei der Auflösung skizziert.

Generell mag ich die Art und Weise, wie Agatha Christie in ihren Romanen die Handlung entspinnt, uns auf falsche Fährten setzt aber dennoch genug Hinweise streut, die einen den Fall eigentlich auch selber lösen lassen könten. Meine beiden Lieblingsgeschichten sind zum einen „Zehn kleine Negerlein“ (weder mit Miss Marple noch mit Poirot), in der es eine erstaunliche Wendung gibt, sowie „Nikotin“ (so der etwas unglückliche deutsche Titel von „Three Act Tragedy“, der jedoch vom deutschen Filmtitel „Tödliche Partys“ noch unterboten wird), in dem Hercule der Erkenntnis wegen sogar einen Mord inszeniert – nicht, dass es nicht auch den Fall gäbe, indem er sogar persönlich zur Waffe greift oder gar selbst zum Opfer wird.

Leider ist bei den Titeln immer etwas Verwirrung angesagt, da die Filme zum Teil anders heißen als die Romane und auch die Übersetzungen teilweise völlig daneben sind. Da wird aus dem Roman „Das Rätsel um Arlena“ mal eben „Das Böse unter der Sonne“ oder es wird noch dreister verfälscht, indem eine Geschichte, die ursprünglich ein Poirot-Fall war, Miss Marple zur Lösung gegeben wird wie in „Der Wachsblumenstrauß“. Dabei ist es nicht nur die unterschiedliche Herangehensweise, die diese beiden Reihen voneinander unterscheidet, sondern eben auch die jeweils innere Logik der Fälle. So sind auch andere Figuren über Romangrenzen hinweg in sich konsistent und geschlossen, wie etwa Athur Hastings oder Tommy und Tuppence Beresford, deren Geschichten eher den Spionageromanen zuzurechnen sind.

Auch wenn ich lange keinen ihrer Romane mehr gelesen habe, so liebe ich die Geschichten von Agatha Christie ganz besonders natürlich auch die Verfilmungen mit den beiden besten Darstellern für ihre jeweiligen Rollen – Ustinov als Poirot und Rutherford als Marple. Sehr empfehlen kann ich auch „Zeugin der Anklage“ mit der göttlichen Marlene Dietrich in der Titelrolle, was unter anderem auch das erste Theaterstück war, in dem ich mitgewirkt habe. Dieses ganze Krimiuniversium ist immer wieder ein Ort, in den man gerne eintaucht und besonders die Poirot’sche Welt hat es mir angetan – nicht zuletzt habe ich durch ihn gelernt, dass „Guiseppe Verdi“, wäre er Deutscher gewesen, „Josef Grün“ geheißen hätte.

Wildes Klagen

„Sex and Crime sells“ – erst recht, wenn sie aufeinandertreffen; wenn dann noch eine berühmte Persönlichkeit in die Sache verwickelt ist, ist es eine Goldgrube für die Medien. Ob Straus-Kahn oder Kachelmann, die Gier der Öffentlichkeit stürzt sich darauf. Doch Moment mal – das erinnert mich doch an etwas. Ich  habe mich doch vor nicht all zu langer Zeit, mit genau diesen Fragen beschäftigt, als ich meine Abschlussarbeit zu einem der ersten und prominentesten Fälle geschrieben habe: Oscar Wilde.

Der englische Autor irischer Abstammung Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde kann als einer der ersten „Celebrities“ angesehen werden und hätte er nicht im 19. Jahrhundert gelebt, so könnte man meinen, er sei der Popkultur entsprungen. Wie kaum ein anderer vor ihm, verstand er es, sich selbst zu inszenieren und medial zu präsentieren, was natürlich seinerzeit noch ganz anders vonstatten ging als in der heutigen, multimedialen Welt. Bezieht man solche historischen Unterschiede mit ein, so kann man jedoch viele Parallelen zu heutigen Stars wie etwa Madonna oder Lady Gaga erkennen: Er setzte sich, wo er konnte ihn Szene, erfand sich immer wieder neu, spielte mit gewissen Klischees, suchte die Öffentlichkeit und stieß damit bei nicht wenigen seiner Zeitgenossen auf Ablehnung und Neid.

Auf der Spitze seines Erfolgs – zwei Stücke von ihm liefen gerade sehr erfolgreich in London – kam jedoch ein abruptes Ende und ein tiefer Fall, an dem er jedoch mindestens genauso viel Mitschuld hatte, wie an dem vorangegangenen Höhenflug. Nachdem der Marquis von Queensberry, der Vater seines Geliebten Alfred ‚Bosie‘ Douglas, ihn der Sodomie bezichtigte, klagte er diesen wegen Verleumdung an und läutete somit sein eigenes Ende ein. Nicht selten ist es ja so, dass Menschen in so exponierter Stellung vorrübergehend – und ich betone vorrübergehend – Fehlentscheidungen treffen, die ihre Ausgangslage noch verschärfen und das endgültige Aus erst besiegeln. So auch bei Wilde. Denn durch eben jenen Prozess, in dem die Verteidigung der Gegenseite keine Mühen scheute, wurde der breiten Öffentlichkeit bekannt, was viele insgeheim schon wussten oder vermuteten: Oscar Wilde hatte Unzucht mit jungen Männern betrieben, was an sich schon ein arges Vergehen in jener Zeit war. Darüber hinaus waren dies jedoch auch Jungen niederer Herkunft gewesen, was im viktorianischen England der Zeit, welches sehr vom gesellschaftlichen Klassendenken geprägt war, die ganze Sache noch schlimmer machte. Als seine Anwälte während des Prozesses merkten, dass es ihnen nicht gelingen würde, diesen erfolgreich zuende zu bringen, zogen sie die Anklage zurück und Lord Queensberry ging als Sieger aus diesem Prozess hervor.

Doch nun standen die Anschuldigungen im Lichte der Öffentlichkeit und es folgten zwei Prozesse, in denen nun Wilde selbst angeklagt wurde und die damit endeten, dass er mit zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit bestraft wurde. Zurecht, wenn man die damaligen Gesetze zugrunde legt, denn Oscar Wilde hatte ein noch viel zügelloseres Leben geführt als man ihm nachweisen konnte. Auch wenn dieses Bild sich aus heutiger Sicht wesentlich differenzierter darstellt und die meisten seiner Taten heute, Gott sei Dank, nicht mehr unter Strafe stehen, so könnte er jedoch auch heute noch juristische Probleme bekommen, da seine Gespielen ähnlich den Gespielinnen eines italienischen Staatsmannes, noch minderjährig waren.

Es lässt sich also festhalten, dass er aus damaliger Sicht sehr wohl eine Strafe bekommen hatte, die den geltenden Gesetzen entsprach und ihm somit auch Gerechtigkeit widerfahren ist. Doch ebenso wie in den eingangs erwähnten Fällen, war das Prozedere bis zum Urteil alles andere als fair. Gerade der erste Prozess wurde zu einem medialen Spektakel, der dem Namen „Schauprozess“ alle Ehre macht. Schon Stunden vor der Prozesseröffnung füllte sich der Gerichtssaal und es schien als versuche ganz London diesem Spektakel beizuwohnen. Die Presse, die ihn kurze Zeit zuvor noch hochgejubelt hatte, begleitete den Prozess mit einer hämevollen Berichterstattung und nicht zuletzt die Gegenseite sorgte dafür, dass Wilde zeitweise nicht einmal eine Unterkunft fand, da man ihm in sämtlichen Hotels der Stadt die Tür wies. Wer die aktuelle Berichterstattung verfolgt erkennt die Parallele.

In den letzten Tagen liest man sehr viel von der Unschuldsvermutung, ein Konzept, das seinerzeit beiweitem nicht den Stellenwert von heute hatte. Doch ist dies ein grundlegendes Prinzip im Verständnis des modernen Rechtsstaats. Lediglich ein Gericht hat das Recht, einen Angeklagten für schuldig zu befinden und bis zur Urteilsverkündung gilt, dass man ihn nicht vorverurteilt. Ein solches Vorgehen hat auch einen Sinn, denn gesetzt den Fall, jemand ist wirklich unschuldig, so darf er eigentlich auch keinen persönlichen Schaden aus der Anklage ziehen – abgesehen vom Aufwand den ein solcher Prozess mit sich bringt. Denn anders hätte jeder Mensch die Möglichkeit, das Leben eines anderen Menschen vollends zu zerstören, alleine nur dadurch, dass er ihn einer Tat beschuldigt – somit wäre ein Schlachtfeld eröffnet, indem der Staat nur tatenlos zuschauen kann, wie sich seine Bürger gegenseitig ins Aus katapultieren. Man muss nicht lange suchen, um auch hierfür prominente Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zu finden.

Jahrzehntelang war der persönliche Schutz eines Angeklagten in den meisten Fällen ein hohes Gut innerhalb der deutschen Gerichtsbarkeit, doch stellt man in den letzten Jahren gerade bei berühmten Persönlichkeiten eine zunehmende Amerikanisierung fest. Denn unsere Nachbarn auf der anderen Seite des Teichs haben diesbezüglich schon immer ein etwas anderes Verständnis gehabt. Doch selbst dort hat sich die Situation noch durch die Omnipräsenz der Medien zunehmend verschärft.

Natürlich gehört es auch zum Rechtsstaat, dass ein Prozess vor den Augen der Öffentlichkeit stattfindet und keiner möchte irgendwelche Hinterzimmerprozesse einführen. Doch gibt es verschiedene Grade der Öffentlichkeit, die in einem solchen Fall einen gravierenden Unterschied darstellen. Zum einen hat jeder Bürger das Recht, einem Prozess beizuwohnen und somit eine Art von öffentlicher Konrolle auszuüben. Auch ist nichts dagegen zu sagen, dass ein Prozess von Berichterstattung begleitet wird und somit auch „die Öffentlichkeit“ Anteil daran nimmt. Es ist jedoch ein qualitativer Unterschied, wenn Letzteres in einem solchen Ausmaß geschieht, dass schon vor der Anklageerhebung der Beschuldigte auf allen Titelblättern zu sehen ist. Das hat nichts mehr mit einem neutralen öffentlichen Bewusstsein zu tun.

Es ist selbstverständlich klar, warum sich die Medien auf einen solchen Fall stürzen: Sie befriedigen damit die Sensationlust der Leser und Zuschauer, die nur darauf warten, dass endlich mal einer zur Rechenschaft gezogen wird. In einem solchen Fall finden sie darin ein Ventil für all das angestaute Ungerechtigkeitsempfinden, das sich alltäglich in jedem von uns aufstaut. Auch ich kann mich nicht davor schützen, dass mir ab und der Gedanke „Recht so!“ kommt. Doch schadet diese Gier nach Vergeltung mehr als sie nützt. Umso wichtiger ist es, dass es dann ein Korrektiv gibt – sowohl ein persönliches, sprich, dass man sich vor Augen führt, dass eine solch impulsive Reaktion über das Ziel hinaus schießt, als auch ein gesellschaftliches. Genau hier liegt die Verantwortung der Medien.

Man könnte ja noch darüber hinwegsehen, wenn sich nur jene Medien darauf stürzen, die angeblich nur beim Friseur- oder Arztbesuch gelesen werden und deren Darstellung man als aufgeklärter Bürger sowieso nur mit einem Lächeln bedenkt. Dass aber mittlerweile in solchen Fällen zudem fast alle seriösen Medien – nicht zuletzt auch die öffentlich-rechtlichen – auf einen solchen Fall stürzen und ihn in aller Länge und Breite auseinandernehmen, ist bedenklich. Der einzige Unterschied bei eben jenen Medien besteht darin, dass sie gebetsmühlenartig erwähnen, dass ja eigentlich die Unschuldsvermutung gelte, bevor sie ihre bunte Schilderung aller schmutzigen Details breit treten.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Oscar Wilde einige Jahre vor seinem Prozess dieses mediale Vorgehen in seinem Essay „The  Soul of Man under Socialism“ kritisierte und somit die Beschreibung seines eigenen Schiksals vorwegnahm: „The harm is done by the serious, thoughtful, earnest journalists, who solemnly, as they are doing at present, will drag before the eyes of the public some incident in the private life of a great statesmen, of a man who is a leader of political thought as he is a creator of political force, and invite the public to discuss the incident, to exercise authority in the matter, to give their views, and not merely to give their views, but to carry them into action, to dictate to the man upon all other points, to dictate to his party, to dictate to his country; in fact, to make themselves ridiculous, offensive, and harmful. The private lives of men and women should not be told to the public. The public have nothing to do with them at all.”

Auch wenn ich jetzt klinge wie ein konservativer Reaktionär, so möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass es einst einen seriöseren Umgang mit solchen Themen gegeben hat. Zwischen Oscar Wilde und Kachelmann hatte man besonders in den mittleren Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts einen gemäßigten modus operandi gefunden: man sprach über so etwas nicht und es schickte sich nicht, solche Fälle öffentlich zu debattieren. So sehr ich in vielen Fällen der Schicklichkeit dieser Zeit kritisch gegenüberstehe, so sehr finde ich sie in diesem Fall gerechtfertigt und angebracht. Einschränkend zu Wilde würde ich auch zwischen dem ex post und dem ex ante unterscheiden: Wenn das Urteil gefällt ist, ist immer noch genug Gelegenheit den Fall zu diskutieren und dann wäre es bis zu einem gewissen Grade auch notwendig, um geltende Normen und Wertvostellungen in der Gesellschaft zu manifestieren. Doch bevor es keine unabhängigen Untersuchung mit abschließendem Urteilsspruch gegeben hat, haben Spekulationen und Diskurse über die Sache in der Öffentlichkeit nichts verloren.

Es grenzt schon an Paradoxie, wenn auch an eine nachvollziehbare, dass die Staatsanwaltschaft, um das aktuelle Beispiel Kachelmanns aufzugreifen, eine Strafe unterhalb des Mindeststrafmaßes fordert, weil der Angeklagte durch den bislang schon genommenen Schaden einen Teil der Schuld schon gebüßt habe. De facto heißt dies nämlich, dass er schon jetzt in gewissem Maße bestraft wurde. Doch was ist in dem Fall, dass das Gericht zu dem Schluss kommt, dass er unschuldig sei? Dann hat ein Mensch eine Strafe bekommen, die er nicht verdient hat und sein Leben wurde grundlos zerstört. Dies könnte dann auch schlecht wieder gut gemacht werden. Zudem hätte der Staat in einem solchen Falle keine Schuld an der Zerstörung eines Lebens, sehr wohl jedoch die Gesellschaft – doch von dieser eine Wiedergutmachung zu bekommen ist ausgeschlossen.

Natürlich ist es vermessen, anzunehmen, dass sich die mediale Aufmerksamkeit in irgendeiner Weise auf ein gesundes Maß zurückdrehen ließe – denn irgendwer wird solche Bilder und Diskussionen immer verbreiten in der heutigen Zeit und die Öffentlichkeit wird sie dankend annehmen und teilen. Doch sollte ein jeder auch einen Moment innehalten und sich fragen: „Was ist, wenn ich eines Vergehens beschuldigt werde – ob zurecht oder zu unrecht? Wie möchte ich dann, dass mit mir umgegangen wird?“

Somit ist zu hoffen, dass sich unsere Gesellschaft in zwei Lager teilt: Diejenigen, die dieses Schlammschlachtspiel mitmachen und diejenigen, die sich dem verweigern. Leider habe ich die Befürchtung, dass es eine idealistische Hoffnung ist, dass letztere Gruppe wachsen wird, denn bedauerlicherweise sind wir in unserer Gesamtheit unzivilisierter und mittelalterlicher als wir es wahr haben wollen. Doch kann ich nur jedem ans Herz legen: Bild dir deine Meinung.

Panem et circenses

Millionen haben gestern den Eklat bei „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ verfolgt und die Ausstrahlung brach alle Quotenrekorde der vergangenen Jahre. Auch wenn diese Serie oftmals als Unterschichtenfernsehen belächelt wird, kenne ich dennoch viele Menschen, die die Ereignisse dieser Publicity-Reha interessiert verfolgen, die nicht dem Prekariat angehören. Doch was reizt jemanden daran, eine solche Sendung zu schauen? Ganz einfach: die blanke Unterhaltung.

Selbst intelligente Menschen, die weiß Gott besseres mit ihrer Zeit anfangen könnten, schauen dieses Trash-TV, weil auch sie ab und an auf einem Level unterhalten werden wollen, das die grundlegendsten Instinkte des unzivilisierten Menschen berührt. Der Zuschauer ergötzt sich an dem Dschungeltheater und füttert das freudsche Es einwenig, fernab eines zivilisatorischen Über-Ichs, dass vorraussetzen würde, dass ein wie auch immer gearteter kultureller Überbau dieses Verlangen verschleiert. Man könnte zwar nun versuchen, das Ganze philosophisch zu begründen und in Rückgriff auf hobbschen Naturzustand, bei dem jeder dem anderen ein Wolf ist, argumentieren, dass eben dies das spannende Element sei oder könnte anfangen, das Verhalten der Teilnehmer psychologisch zu analysieren und sich zu fragen, warum wer in dieser oder jener Situation nun so und nicht anders handelt, könnte sogar auf einzelne Prüfungen eingehen und sie etwa vor dem Hintergrund des Milgram-Experiments auseinander nehmen, jedoch geht es doch darum gar nicht. Auch wenn dies ganz nette Nebenüberlegungen wären, so geht es im Grunde genommen nur um die reine Sensationslust, die hier befriedigt werden will.

Allerdings einer Einsicht kann man sich nicht verschließen: Eine Sendung wie das Dschungelcamp kann nur dann Erfolg haben, wenn es uns gut geht. Dies genau war nämlich die Kritik des römischen Dichters Juvenal, der erstmalig von „Brot und Spielen“ sprach. Er bemängelte, dass die römische Gesellschaft mittlerweile in einer solchen Dekandenz lebe, dass sie eben nicht mehr nur das eigene Vorankommen im Blick habe, sich um Fragen der Politik oder der Gesellschaft kümmere, sondern in ihrem Wohlstand nun nur noch eines suche, nämlich die Zerstreuung und Unterhaltung. Anders herum formuliert: Da es uns so gut geht, dass wir uns nicht ständig Sorgen um die existentiellen Fragen des Lebens machen müssen, da wir wohlbehütet in einer mehr oder weniger funktionierenden Gesellschaft leben, die uns das Überleben und die eigene Weiterentwicklung sichert, können wir in letzterer auch einmal innehalten und uns mit eben solchem Schwachsinn beschäftigen. Dass diese Unterhaltung auf so niedrigem Niveau stattfindet, zeigt daher nur an, dass wir uns von einem hohen Niveau herunter lassen. Diese Sendung ist ein gesellschaftlicher Luxusartikel, wie es sie schon immer in der Menschheitsgeschichte gegeben hat.

Diejenigen, die versuchen, zu definieren, dass ein solches Format „schlecht“ sei oder „niedere Gelüste“ befriedige, haben einerseits zwar recht, doch sollten sie sich auch bewusst sein, dass vieles, was heute zur Hochkultur gehört, ursprünglich den gleichen Effekt haben sollte. Denn wo liegt der Unterschied zwischen dem heutigen Fernsehzuschauer, der mit Chips und Bier vor dem Fernseher die Winkelzüge einer Sarah Knappik verfolgt und demjenigen elisabethanischen Globe-Besucher, der fressend und saufend in der Menge der Groundlings steht und sich an den Intrigen einer Richard III ergötzt? Nur weil ein Heer von Intellektuellen in den darauffolgenden Jahrhunderten den Shakespeare-Stücken eine kulturelle Grundlage verschafft hat, sie eingebettet hat in moralische Betrachtungen, zu Bildungsgütern sublimiert hat, heißt dies nicht, dass es nicht grundlegend nur um die Unterhaltung ging.

Auch wenn nicht zu erwarten ist, dass das Dschungelgeschehen irgendwann einmal Teil des Bildungskanons sein wird, so böte es doch genug Ansatzpunkte, die dies rechtfertigen würden, wie eingangs schon erwähnt. Gibt man sich diesem Gedankenspiel einmal kurz hin, so könnte man sich ohne Probleme ausmalen, dass auf eben jenen Fernsehzuschauer in einigen hundert Jahren genauso zurückgeblickt wird, wie wir heute auf die nach Unterhaltung geifernden Zuschauer des Globe zurückblicken. Und ebenso wie sich die Bewertungsmaßstäbe in der Vergangenheit verschoben haben, so könnten sie sich auch in dieser angenommenen Zukunft verschoben haben. Wobei ich einschränkend schon sagen muss, dass ich persönlich schon den Dramen Shakespeares einiges mehr an Gehalt zuschreibe, als dieser Pseudo-Reality-Show.

Da wir die Corsage der Zivilisation im Normalfall nicht einfach ausziehen können, brauchen wir ab und zu ein solches Ventil und lassen andere sich zum Affen machen, damit wir beherzt um die Götze der Sensation tanzen können. Somit wird das goldene Kalb zum heiligen Gral, zur moralischen Selbstdefinition ex negativo. Eben weil wir uns unserer Mängel bewusst sind und mit diesen immer wieder hadern, müssen wir uns über solch niedere Impulse erheben, um nicht an der eigenen menschlichen Unzulänglichkeit zu zerbrechen. Da uns jedoch in der realen Welt ein solcher Ausgleich oftmals fehlt, greifen wir auf solch simple Mechanismen zurück. Wobei allerdings auch hier eine Einschränkung gemacht werden muss, denn oftmals spielt sich ähnliches in unserer realen Welt in ähnlicher Weise ab, sei es in Arbeit oder Politik – denn was sind die heutzutage medial inszenierten Bundestagsdebatten anderes als ein Dschungelcamp für politisch Gebildete?

Daher schäme ich mich nicht dafür, dass ich mir diesen „Schwachsinn“ allabendlich hereinziehe und akzeptiere, dass er ein Teil meines menschlichen Daseins ist, wissend, dass es ein nötiger Ausgleich zu den sonst eher vorherschenden kulturellen, politischen, philosophischen und moralischen Betrachtungen ist, mit denen ich mich ansonsten beschäftige.

Dieses Format mag zwar unterste Schublade sein, doch in dieser Schublade, liegt es ganz oben.

David Fincher’s „The Shallows“

Wäre ich Lehrer, würde ich morgen meine Klasse eine dialektische Erörterung schreiben lassen zum Thema Facebook und könnte mir sicher sein, dass weit über die Hälfte mir Besseres liefern würden, als das, was ich soeben in „The Social Network“ zu sehen bekam. Was soll uns dieser Film sagen? Mehr Aussage, als dass Mark Zuckerberg irgendwie ein Arschloch ist, steckt in dem Film nicht drin – selbst diese Aussage wird dann wieder durch den Film selbst eingeschränkt, weil er ja dann doch nicht so schlimm rüber kommt. Aber alles in allem ist der Film recht seicht. Nett für zwei Stunden Kino, die ich mir viel zu selten gönne, aber nicht nett genug um ihn mir mehrfach anzuschauen.

Die einzige Szene, die mich zum Nachdenken angeregt hat, war, als Mark von einem Freund gefragt wird, ob eine entfernte Bekannte einen Freund habe und er daraufhin mit der soeben gewonnenen Erkenntnis, dass die Einstellung des Beziehungsstatus essentieller Bestandteil von Facebook zu sein habe, aufspringt, um diese in die Seite zu implementieren. Diese Einstellung geht wenigstens etwas über das sonst im Film anzutreffende Harvard-Geplänkel, das man in fast jedem zweiten amerikanischen Film zu sehen bekommt, hinaus. Hier kann man wenigstens noch intellektuell mit arbeiten, indem man sich das Phänomen vor Augen führt, wie aus einer sorglos gestellten, eigentlich nebensächlichen Frage, eine Idee entsteht, die dann fundamentale Konsequenzen für das Projekt hat.

Dabei wäre es so einfach gewesen, mit zwei, drei kleinen Szenen, dem Film ein Vielfaches an Tiefe zu verleihen. Beispielsweise wird auf die Frage, was Menschen dazu treibt, sich virtuell vor anderen zu offenbaren, nicht oder kaum eingegangen. Auch hätte man mit einer kleinen Nebenhandlung einiges an Fragen hinsichtlich des sozialen Drucks, der durch Facebook entstanden ist, aufwerfen können:

Eine Schülerin wird von ihren Freundinnen aufgefordert, sich doch auch endlich bei Facebook anzumelden, doch ihr ist dies suspekt und sie weigert sich. Als ein paar Tage später alle von der tollen Party am Vorabend erzählen, stellt sie fest, dass alle ihre Freundinnen dort waren. Als sie diese mit der Frage konfrontiert, warum ihr denn niemand bescheid gegeben habe, sie per SMS oder Anruf informiert hätte, bekommt sie zur antwort: „Wir haben es doch bei Facebook gepostet.“ Sie legt sich daraufhin ein Profil an.

Eine solche Szene und vielleicht ein paar weitere kritische Töne, hätten „The Social Network“ zu einem den-musst-du-gesehen-haben-Film werden lassen können. Auch wenn mir bewusst ist, dass ich diesen Film sowieso hätte keinem empfehlen müssen, da aller Vorraussicht nach eh jeder hineinstürmen wird, so hätte es mich doch gefreut, wenn ein sinnvoller Film entstanden wäre, der auch über die Person Mark Zuckerberg hinaus, kritisch Stellung bezieht.

Leider lässt der Film diesen Mut vermissen und gibt sich damit zufrieden, eine seichte Nacherzählung zu sein, von Fakten, die wir mittlerweile durch Berichte, Artikel und Bücher der letzten Monate alle kennen und die zudem wohl nicht so geschehen sind. Dennoch wird der Film“The Social Network“ Besucher anziehen – eben weil es um Facebook geht. Doch genau damit bestätigt David Fincher das, was Nicholas Carr in seinem Buch behauptet: Wer sich zuviel mit Facebook beschäftigt, verliert die Fähigkeit zum tieferen Nachdenken.

In Ermangelung eines Dislike-Buttons bleibe ich daher beim traditionellern Urteil: Thema verfehlt.