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Blue moon

Quelle: flickr; CC: Audringje„Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte“ – so sehr wir uns auch im Laufe der Evolution von dem Diktum der Natur entfernt zu haben scheinen, so sehr sind wir jedoch auf einer ganz ursprünglichen Ebene noch immer an dieses gefesselt.Gerade zu dieser Jahreszeit wird einem das Primat des Hormons vor der Kultur bewusst und wenn die ersten Sonnenstrahlen wärmend über die Haut streichen, merkt man, dass diese schon lange nicht mehr berührt wurde.

Als ich diese Woche den Film „A Single Man“ mit Colin Firth durch Zufall im Fernsehn sah, kam ich ein wenig ins Grübeln, denn auch wenn es mir eigentlich momentan sehr gut geht, so wurde ich an einen Abschnitt aus einem vor fast zwanzig Jahren an mich gerichteten Brief erinnert: „Geht es Dir gut? […] Benjamin geht es immer gut! Provokant?!?“ Die Tatsache, dass dort die Handschrift auch so gedeutet werden könnte, dass man „nimmer“ ließt, hat mich seinerzeit schon irritiert und bringt mich direkt zu den Überlegungen, die zu diesem Beitrag geführt haben.

Der Film handelt von einem Schwulen in den sechziger Jahren, dem nach langjähriger Beziehung der Partner jäh entrissen wurde und der fortan nicht nur mit seiner sexuellen Identität, sondern auch mit seiner Einsamkeit kämpft. Tragikomischer Höhepunkt des Films ist eine Szene, in der er sich versucht das Leben zu nehmen, was jedoch daran scheitert, dass er sich des Moments des Auffindens bewusst, in dem er dennoch – sofern dies möglich – keine schlechte Figur machen will, versucht so zu drappieren, dass es nicht ganz so erbärmlich aussieht. Zudem will man es ja auch bequem haben, wenn man einen solchen Schritt geht und so entsteht die eine skurile Situation, bestehend aus Kissen zurecht rücken und Pistole platzieren, die an der Unvereinbarkeit der beiden zu kombinierenden Aufgaben, der eigentlichen Zielsetzung und dem Arrangement, scheitert. Die subtile Message in dieser Szene ist: Man leidet, wenn man alleine ist, will sich und der Welt dies jedoch nicht eingestehen und achtet sorgsamst auf den schönen Schein.

Auch wenn dies eine eher zugespitzte Darstellung dieses inneren Konflikt ist, so gibt es sie durchaus: Die Menschen, die auf dem schmalen Grad zwischen dem „als ob“ und dem „so ist es“ wandeln. Die immer wieder die Unabhängigkeit und Freiheit einerseits und die Unerträglichkeit des Alleinseins andererseits auf die Waage legen und je nach Situation zu anderen Messergebnissen kommen. Auch ich gehöre zu Ihnen. Denn ebenso wie ich mich glücklich schätze, uneingeschränkt meinen eigenen Weg gehen zu können, so wabert doch die quälende Frage, ob und wie lange dies gute geht und wohin einen dieser Weg führt. Oscar Wilde hat dieses Dilemma auf die einfache Formel gebracht: „In this world there are only two tragedies. One is not getting what one wants, and the other is getting it.”

Es scheint kein Zufall zu sein, dass es im Deutschen zwei Begriffe gibt, die sich nur schwerlich in andere Sprachen übersetzen lassen: “Gemütlichkeit” und “Torschlusspanik”. Wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, so stelle ich für mich fest, dass es verschiedene Stadien gab, mit diesem Thema umzugehen: die Zeit in Köln war geprägt durch eine Verlagerung ins Außen, das ständige Unter-Menschen-Sein; dann die Jahre in Heidelberg, in denen ich es genossen habe, manchmal tagelang mit niemandem außer der Bäckersfrau ein Wort wechseln zu müssen; in Berlin dann die Erfahrung, dass ein Einlassen auf einen anderen einen ebenso an seine Grenzen führen kann. Denn ebenso wie Einsamkeit, so muss man auch Glück ertragen können.

Der einsame Pfefferstreuer auf dem weiten Tisch taugt sehr wohl dazu, dass Leben zu würzen, jedoch bleibt das Salz in Absentia. Auch wenn dies kein schwulenspezifisches Problem ist, so stelle ich doch immer wieder fest, dass es innerhalb der Szene eine Vielzahl gibt, die die Kunst des gehörigen Pfefferns so weit perfektionieren, nur damit der Zunge nicht auffällt, dass das Gericht in seiner Gesamtheit dennoch fade schmeckt. Und so sitzt man in ruhigen Stunden sinnierend herum, verärgert über nicht ergiffene Chancen, und bekommt dieses ungute Gefühl, dass man zu einem dieser klischeehaften Abziehbildchen werden könnte.

Diese sind durchaus bekannt: Die alleinstehenden, älteren Herren an der Theke mit der Aura der 80er, deren Outfit noch heute an die Zeiten erinnert, als man als schwuler noch heimlich an irgendwelchen Hintertüren klingeln musste und welche heute mit kühler Distanziertheit dort sitzen und keine wirklich nahen Sozialkontakte zulassen können. Von denen auch jeder weiß, dass der junge Mann daneben nur deswegen dort steht, weil man ihm die Zeche zahlt – man ahnt und munkelt, dass es nicht bei der Zeche für das Getränk bleiben wird, sondern auch andere Dienstleistungen monetär vergolten werden. Sie tun einem leid und dennoch verpasst man ihnen unschöne Spitznamen und belächelt sie, nur um sich nicht dem Druck auszusetzen, dass man dereinst selbst dort sitzen könnte.

Allerdings ist eine andere Ausprägung auch nicht besser – die Sorte, die sich noch immer in bunte und meist zu enge Shirts zwängt und über dem sonnenbankgegerbten Gesichtsleder die wasserstoffgefärbte Mähne zur Schau stellt, obwohl man den Reifegrad längst überschitten hat, zu dem ein solches Auftreten noch halbwegs tolerabel wäre: Diese Berufsjugendlichen in Muscleshirt auf der ständigen Jagd nach dem Teenieflirt, von denen man sich gut vorstellen kann, dass sie eines Tages wie Aschenbach den „Tod in Venedig“ suchen werden.

In meinen eigenen Reflexionen kommt auch noch dieser warnende Schatten hinzu – der Artgenosse des dickens’schen dritten Geistes, der mich immer wieder erschaudern lässt, wenn ich Mary Morgan alias Georg Preuße in „Herzklopfen“ von den weißen Wänden und den langen Fluren singen höre.

Doch ist auch das Gegenteil nicht erstrebenswert, denn in Beziehungsfragen nutzt einem das l’art pour l’art auch nicht viel. Schließlich sollten Beziehungen nicht zum Selbstzweck werden, wie bei den Menschen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit merkelscher Machtpolitik an den Tag legen getreu dem Motto: Nach der Koalition ist vor der Koalition – mag auch der Partner wechseln; Hauptsache man ist eine weiter Legislatur obenauf. Ich nenne sie gerne die Beziehungsstolpler, da ihr Singledasein sich meist nicht einmal von Freitag bis Montag hält, da sie gar nicht allein sein können und sich schnellstmöglich wieder an den nächstbesten binden.

Es gibt verschiedene Weg mit dem Alleinsein umzugehen, wobei jedoch jeder in ein ganz eigenes Paradox führt. Pflegt man den schwachen Umgang damit und zeigt den Umliegenden die Unzufriedenheit mit der eigenen Situation, so macht einen der Hauch von Miesepetrigkeit, der einen in diesem Moment umgibt nicht gerade attraktiv – allerdings kann man sich darauf verlassen, beim Gegenüber eventuell ein gewisses Helfersyndrom auszulösen, welches auf der irrigen Annahme beruht, man warte nur auf den Prinzen, der einem zeigt, wie schön die Welt sein kann und in dem Anderen ein prettywomaneskes Kopfkino entstehen lässt. Stellt man sich jedoch selbstbewusst in die Welt und zeigt nach außen eine gewisse Stärke, entwickelt man meist eine gewisse Keine-Kompromisse-Optik, die die durchaus bewunderte und beneidete Eigenständigkeit leicht in ein zu großes Maß an Respekt verkehrt, welches man zum Beispiel auich von erfolgreichen, eigenständigen und emanzipierten starken Frauen kennt, vor denen Männer eher zurückschrecken.

Zu all dem kommt auch noch der gnadenlose Zahn der Zeit, denn schließlich wird man weder jünger noch attraktiver. Auch wenn man hofft, dass ‚der Arsch in der Hose noch halbwegs sexy aussieht‘, wie es ein Bekannter von mir in einem vor Jahren gemeinsam gedrehten Dokumentarfilm sinngemäß formulierte, so ist einem doch bewusst, dass nicht nur Blumen verwelken. Im Gegensatz zu den vergangenen Zeiten, hat man keinen Jugendbonus mehr, der einem qua Alter und Frische die Herzen zufliegen lässt.

Auch haben sich die Gepflogenheiten auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten in den letzten Jahren bedingt durch den oft so angenehmen Fortschritt stark verändert. Wir verlernen peu a peu den direkten, realen Umgang und obliegen einer Selbstzensur in der Ansprache des Anderen. Schließlich ist es viel einfacher jemanden virtuell anzustupsen oder in der Anonymität des Netzes, wo man sich notfalls von Klick zu Klick hangeln kann, aus sicherer Entfernung auf dem heimischen Sofa in reiflicher Überlegung einen geeigneten Wortlaut für die ersten Worte zu suchen. Aber: Wer zu viel liked, verlernt zu lieben und am Ende bleibt ihm doch nur Siri.

Natürlich, eine gewöhnliche Leseempfehlung

Quelle: flicker; CC: custer_flux„Good afternoon, Ladies and Gentlemen. First: The probable cause of AIDS has been found. A variant of a known human cancer virus. Second: Not only has the agent been identified, but a new process has been developed to mass produce this virus. Thirdly: With discovery of both the virus and this new process, we now have a blood test for AIDS. With the blood test we can identify AIDS victims with essentially 100 percent certainty.”

Was heute aussieht wie ein halbwegs gewöhnlicher Text einer Pressekonferenz einer US-amerikanischen Gesundheitsministerin, hatte vor heute genau 30 Jahren eine ganz andere Wirkung. Auch wenn der Humane Immundefizienz-Virus erst circa zwei Jahre später seinen heutigen Namen erhielt, so ist der 23. April 1984 jedoch sein faktischer „Geburtstag“. Denn nun hatte man die Ursache für diese ominöse Krankheit gefunden, die seit einigen Jahren eine Vielzahl meist homosexueller Männer hinwegraffte. Die Ursache des Verendens war gefunden und wurde zur Ursache der Verfolgens: dem Sterben folgte das Stigma.

Ob die nicht geringe Zahl an Dissidenten mit der Behauptung richtig liegt, dass auf dieser Pressekonferenz der Grundstein für den größten Medizinskandal aller Zeiten gelegt wurde, sei einmal dahingestellt – würden sich ihre Thesen bewahrheiten wäre dem allemal so. Was man allerdings mit Sicherheit sagen kann: Es war der Startschuss für die größte Skandalisierung aller Zeiten in der Medizin.

Erst wurde getestet, dann geurteilt und schließlich gegrübelt – darüber, wie man dieser „Schwulenpest“ Herr werden konnte. Wir, die wir mittlerweile daran gewöhnt sind, dass alle Jahre wieder, meist im Frühjahr, irgendeine neue Seuche oder epidemische Bedrohung (heißt sie nun EHEC, SARS, BSE oder sonstwie) als Sau durch das mediale Dorf getrieben wird, können uns kaum vorstellen, welche ein Bedrohungsszenario damals aufgebaut wurde.

Die Boulevardzeitungen meldeten in großen Lettern, dass in Hamburg ein AIDS-Kranker im Bus gefahren sei und Schlagzeilen wie „München: Todesvirus im Vormarsch“, „Bonn will AIDS-Kranken Sex verbieten“ oder „Alle Deutschen zum Zwangstest“ dominierten die Titelblätter. Auch politisch begann eine Hexenjagd, die nicht nur auf die Betroffenen selbst, sondern auch auf ganze Bevölkerungsteile ausgeweitet wurden. Die noch in den Kinderschuhen steckende Schwulenbewegung war von jetzt auf gleich um Jahre zurückgeworfen.

Die skurrilsten Ideen geisterten durch die politischen Debatten, von denen man eigentlich seit der NS-Zeit hätte wissen müssen, dass es keine adäquaten Mittel sind: Namentliche Erfassung, „Rosa Listen“, Zwangstätowierung, Quarantänemaßnahmen, Pflichttestungen und vieles andere mehr – der Unionspolitiker Peter Gauweiler polemisierte allen voran. Doch Gottlob scheiterten solche Vorstöße nicht allein daran, dass in Deutschlands Schwulenhochburg Köln, die ehemalige Leprakolonie Melaten inzwischen mitten in der Stadt lag und zudem seit fast 200 Jahren zum Friedhof umfunktioniert war, sondern insbesondere durch liberalere Stimmen in der Politik – unter anderem der von Rita Süssmuth, ebenfalls Union, deren weitsichtige Politik man heute oftmals unterschätzt.

Doch soll dies jetzt kein Betroffenheitsblog werden – denn ich wäre nicht ich, würde ich diesen Jahrestag nicht dazu nutzen, auf ein gutes Buch aufmerksam zu machen, welches ich im vergangenen Jahr erst gelesen habe: Wie Jakob die Zeit verlor von Jan Stressenreuter.

Eingekleidet in eine typisch-schwule Liebesgeschichte – denn die meisten schwulen Liebesromane haben entweder HIV oder das Coming-Out zum Thema – entfaltet Stressenreuter ein wunderbares Gefühl für das damals vorherrschende Klima. Er schafft es mit ähnlich subtilen Mitteln (wenn auch nicht so genial) wie Tony Kushner in Angels in America das Private, das Politische und den Zeitgeist so miteinander zu verflechten, dass es erlebbar wird und unter die Haut geht, und was Wolfgang Ehmer in Anderer Welten Kind für Nachkriegsdeutschland vermochte, vermag Stressenreuter für die 80er-Jahre: Er verlegt nicht nur einen Teil seiner Handlung in diese Zeit, sondern malt gleichsam ein Bild von ihr.

Selbst mir, der sich für diese Thematik schon immer sehr interessiert hat, erschlossen sich ganz neue Blickwinkel auf eine Zeit, die ich Dank der Gnade der späten Geburt nicht mehr miterleben musste. Ich war beim Lesen die meiste Zeit ebenso ergriffen wie als ich das erste Mal die Razzia-Szene im Film Stonewall sah.

Allerdings muss ich einschränkend hinzufügen, dass das Identifikationspotenzial in beiden Fällen natürlich durch das eigene So-Sein noch verstärkt wird, jedoch kann ich die Lektüre gerade denjenigen nur empfehlen, welche im Bannkreis immer wiederkehrender, vermeintlicher Heilsmeldungen und possierlichen Aufklärungskampagnen mit Kondom-Schmetterlingen und –Bärchen aufgewachsen sind.

Auch wenn der Roman nicht in allen Teilen das ersehnte gute Ende mit sich bringt, so hinterlässt er doch auf gewisse Weise nach Beendigung der Lektüre eine gute Portion Gelassenheit. Man gewinnt Distanz zu überhitzen Gesundheitsdebatten, bei denen sich meistens nichts so epidemisch ausbreitet wie die Skandalmeldungen selbst – ungeachtet der zugrunde liegenden Fakten.

Darüber hinaus macht er insofern Mut, als dass man natürlich aus heutiger Sicht weiß, dass sich vieles zum Guten gewendet hat – nicht nur in der Sache selbst, sondern auch hinsichtlich des Umgangs, was nicht nur der Tatsache geschuldet ist, dass wir Positiven von heute nicht alle so aussehen wie Tom Hanks in der Schlussszene von Philadelphia.

Doch bevor ich mich nun gänzlich in der Intermedialität und der Bezugnahme auf weiter Werke verfange, schließe ich doch lieber mit einem Zitat, welches eben diesen Mut zum Ausdruck bringt und welches das schon so oft invozierte Angels in America beschließt:

This disease will be the end of many of us, but not nearly all, and the dead will be commemorated and will struggle on with the living, and we are not going away. We won’t die secret deaths anymore. The world only spins forward. We will be citizens. The time has come.
Bye now.
You are fabulous creatures, each and every one.
And I bless you: More life.
The Great Work Begins.

END OF PLAY

P.S.: Da man sich eh nicht sicher ist, wann genau William Shakespeare geboren wurde, kann der Jubiläumspost auch noch etwas warten. Somit endet dieser Beitrag nicht mit den Worten: The rest is silence.

Concrete Memories

Manchmal stellt sich heraus, dass Tierarten, die man lange für ausgestorben hielt, sich doch als noch existent erweisen. Das aktuellste Beispiel hierfür ist der Mauerspecht, galt er doch seit etwa zwanzig Jahren als verschwunden. Man konnte in den letzten Wochen nicht nur Exemplare davon in Berlin aufspühren, es zeigte sich überdies, dass die heute lebenden sogar im Vergleich zu den Artgenossen der Vergangenheit mutiert zu sein scheinen.

Obschon man natürlich einwenden kann, dass der ganze Aufruhr sich ja nur um ein blödes Stück Betonmauer handele, von dem man sich über Jahrzehnte nicht schnell genug verabschieden wollte, so liegt doch der Billigung des nun stattfindenden Eingriffs in die East Side Gallery ein fundamental falscher Denkansatz zugrunde. Bevor ich jedoch nun etwas weiter aushole, um zu erläutern, was genau ich damit meine, widme ich mich kurz dem offensichtlichsten Paradox dieser Operation.

Wer einmal an der betreffenden Stelle in Berlin war, weiß, dass das direkte Gebiet um die East Side Gallery nicht unbedingt zu den allerattraktivsten Plätzen Berlins gehört. Am Wasser kann man schließlich auch anderswo sein, ohne eine in regelmäßigen Abständen lärmende Arena um die Ecke. Der Ort gewinnt quasi erst durch das letzte verbliebe Stück Mauer, dass zudem bisher immer als ein Aushängeschild der Stadt galt, da es die größte ständige Open-Air-Ausstellung der Welt ist, seinen ganz eigenen Charme. Ganz nebenbei handelt es sich hierbei um ein Gemeinschaftskunstwerk internationaler Künstler. Wahrscheinlich war dies auch ein nicht unerheblicher Grund für die Investitionsentscheidung an diesem Standort. Doch was habe ich als Anleger davon, wenn ich meine Gebäude direkt neben der East Side Gallery errichte, diese jedoch durch den Bau zerstöre? Hier folgt man einer Logik, die mich an einen Witz erinnert, den Quentin Crisp in der Dokumentation „The Celluloid Closet“ im Rahmen eines Interviews erzählt, der sinngemäß lautet: ‚Ich mag keine Bohnen und das ist gut so. Denn würde ich sie mögen, würde ich sie ja essen. Ich möchte sie jedoch nicht essen, da ich Bohnen nun mal nicht mag.“

Jenseits dieses offenkundigen Unsinns, gibt es jedoch eine tiefer liegende Betrachtungsweise auf das in Berlin vor sich gehende. Denn entgegen einer der beiden Lesarten des nicht adäquat ins Deutsche zu übertragenden Titel dieses Beitrags geht es mir nicht um eine Erinnerung aus Beton, sondern vielmehr um eine persönliche Erfahrung, die ich in Bezug auf Denkmäler gemacht habe, die ich gerne als „konkrete Erinnerung“ bezeichnen möchte.

Die Auffassungsgabe des Menschen ist begrenzt und allzu oft sieht man sich dem Problem gegenüber, dass man gewisse Sachverhalte zwar rational versteht, sie jedoch schlecht greifen kann. Man hat zwar eine Vorstellung, jedoch magelt es an der Fähigkeit es zu Begreifen, es zu fühlen, das Abstrakte in die konkrete Wahrnehmung zu übertragen.

Um den Kernpunkt dessen klarzumachen, möchte ich auf eine kleine Anekdote aus meiner Familie zurückgreifen, die meine Mutter mir in Kindertagen erzählt hat: Ihr Onkel wurde seinerzeit von seinen Kindern gefragt, wieviel denn eine Million sei. Er erklärte es ihnen auf die Weise, dass er ihnen sagte, wenn sie eine Million D-Mark abzählen wollten und es ihnen gelänge pro Sekunde ein D-Mark-Stück zu zählen, was natürlich bei späteren Zahlen wie einhundertsechsundzwanzigtausensiebenhundertdreiundvierzig nicht mehr möglich ist, und sie außerdem während des Vorgangs diesen nicht durch Essen, Schlafen oder sonstige Alltäglichkeiten unterbrechen würden, sie etwa elfeinhalb Tage beschäftigt seien. Ganz nebenbei wäre dies vielleicht auch eine hilfreiche Lernerfahrung in anderen aktuellen Diskussionen. Denn müssten Topmanager ihre Gehälter und Bonizahlungen ein einziges Mal per Hand nachzählen, würde manch einen wohl schnell die Einsicht überkommen, dass weniger auch noch ausreichend genug wäre. Gleiches gilt für Etatverhandlungen in der Politik – wobei mir bewusst ist, dass ich hierbei unfreiwilligerweise eine der Glanzreden von Franz-Joseph-Strauß in Erinnerung rufe, in der er einen Betrag anhand von Hundertmarkscheinen in Relation zur Höhe des Kölner Doms beziehungsweise zum Fassungsvermögen von Zügen setzte.

Es geht also darum, ein nacktes, abstraktes und demnach nicht fassbares Faktum in etwas Nachvollziehbares zu transformieren, was einen stärkeren Bezug zur das eigene Ich umgebenden Realität aufweist. Dies kann einerseits dadurch erreicht werden, dass man etwas entweder realiter oder bildlich wahrnimmt, oder aber dadurch, dass man es mit einer emotionalen Erfahrung verknüpft – oder beides. Es wird wohl deutlicher, wenn ich einige Beispiele hierfür aufführe.

Das Stelenfeld in Berlin zum Gedenken an die der Shoa zum Opfer gefallenen Juden ist ein schönes Beispiel für ein emotional erlebbares Denkmal. So sehr dieses Mahnmal auch oft als reine Fotokulisse oder als spielerisch anmutender Irrgarten wahrgenommen wird, so kann man darin auch zwei andere Eindrücke gewinnen, sofern man aufmerksam hindurchschreitet, die erhellende Einsichten in diesen dunklen Schatten der deutschen Geschichte ermöglichen.

Zum einen findet man hier auf subtile Weise eine Antwort auf die Frage, wie es zu dieser Katastrophe hat kommen können. Denn auch wenn es von außen betrachtet so scheint, als seien die Blöcke mehr oder weniger auf der gleichen Höhe ausgerichtet, bietet sich einem beim Betreten ein ganz anderes Bild. Ohne, dass man es auf Anhieb wahrnimmt, variiert der Untergrund sehr stark. Man geht hinein und langsam wachsen die schwarzen Monumente um einen herum, da man selber einiges an Höhe durch den uneben gestalteten Boden verliert. Besonders in den Wintermonaten, wenn der Boden vereist oder verschneit ist, wird einem erst so wirklich bewusst, wie steil die einzelnen Abschnitte teilweise hinuntergehen. Man erlebt also auf eine gewisse Weise wie es ist, wenn sich die Realität um einen herum langsam verändert und man erst zu spät erkennt, wie schnell sie sich verändert hat. Man begreift also, warum es möglich war, dass viele Menschen (sowohl Deutsche als auch Juden) lange Zeit dem Glauben anheimfielen, dass das mit den Nazis schon so schlimm nicht sei. Denn was eben noch nur bis zum Knie reichte überragt einen wenige Schritte später schon um ein beträchtliches Maß. Zum anderen stellt sich im Moment in dem man sich inmitten der Stelen befindet ein beklemmendes Gefühl einer Hilflosigkeit ein. Man kommt sich plötzlich klein vor neben diesen vorher doch recht normalen Steinen, die monströs mutiert zu sein scheinen. Aus dem eben noch auf Augenhöhe befindlichen Nachbarn ist ein übergroßes, einengendes, bedrohliches Etwas geworden.

Auch die auf der anderen Seite im Tiergarten stehende Stele für die verfolgten Homosexuellen hat alleine schon durch Form und Lage einen ähnlichen Effekt, denn man fragt sich unweigerlich, warum sie dort fernab des eigentlichen Mahnmals steht und wird sich bewusst, dass es hier um eine „schräge“ Opfergruppe geht, die eben lange Zeit nicht Gegenstand des Gedenkens war – es sind die Opfer unter ferner liefen, denen man über Jahrzehnte nur den Status „und andere“ zugestand.

Ein Beispiel für eine wirklich „konkrete Erinnerung“ durfte ich schon in meiner frühen Jugendzeit erleben, als wir im Rahmen des Frankreichaustauschs Verdun besichtigten. Erst dieses weite Feld aneinander gereihter, weißer Kreuze machte aus der schieren Opferzahl etwas Anschauliches und wenn man die zerfurchte und noch heute gezeichnete Landschaft darum überblickte, bekam man ein Gespühr dafür, was ein Schützengraben denn gewesen ist. Bis dato war es ein einfaches Kompositum aus zwei mir bekannten Wörtern, dem „Schützen“ und dem „(Straßen-)Graben“, wodurch ich mir unter einem „Schützengraben“ eben lediglich einen „Graben für Schützen“ vorstellte. Hier war ich jedoch nun genötigt dieses mentale Konstrukt zu korrigieren und durch etwas Neues, bisher in dieser Form nicht Vorstellbares, zu ersetzen.

Die wohl prägendste Erinnerung dieser Art kam für mich jedoch noch ein paar Jahre später, als ich einen Ort besuchte, von dem ich denke, dass jeder junge Deutsche ihn einmal aufsuchen sollte: Auschwitz.

Als sei es gestern gewesen, kann ich mich noch heute daran erinnern als ich dieses extrem laute Klick in meinem Kopf wahrgenommen habe. Ein existentieller Groschen ist damals gefallen, der mich in einem Maße bewegt hat, wie ich es danach nie wieder erlebt habe. Es war einer der wenigen Momente meines Lebens, in dem ich mir selber beim Denken zuschauen konnte, als mir der folgende Gedanke durch den Kopf schoß: „Früher war es nicht Schwarz-Weiß!“

Natürlich war mir rein rational auch vorher bewusst, dass früher nicht alles Schwarz-Weiß war, jedoch brauchte es dieses Erlebnis, um mir dies wirklich bewusst zu machen. Seinerzeit kannte man die Bilder, Filme und Materialien zu dieser Zeit nur in verschiedenen Grautönen, was unweigerlich und unbewusst eine gewisse innere Distanz zu den Geschehnissen erzeugte. Es rückte die Eereignisse in eine gewisse Ferne, ähnlich einem Film, den man nicht als etwas Reales wahrnimmt, sondern um dessen Fiktionalität weiß, und er somit keinen direkten Zugriff auf dieses Gefühl des eigenen Erlebens hat. Doch hier kam ich nicht umhin mich der Wahrheit zu stellen: Die Gefangenen, die sich in den meisten Fällen ihrem Schicksal bewusst waren, sind seinerzeit unter demselben blauen Himmel über die ebenso grüne Wiese auf die damals schon rot leuchtenden Backsteinbauten zugegangen. Als ich das Zwitschern der Vögel vernahm, wurden meine Augen wässrig.

Schon jetzt mit dieser Erkenntnis an die Grenzen des an einem Tag verdaubaren geführt, betraten wir nun die Gebäude und alles danach Gesehene brannte sich in mein Gehirn ein: Die Berge von Schuhen, Brillen, Koffern teils mit Namen versehen, das Zahngold und all die anderen Dinge, die dort haufenweise übereinander geschüttet lagen. Ab diesem Punkt bekam das mir wohlbekannte Bild der Leichenstapel in meinem Geschichtsbuch eine komplett andere Dimension. Auf einer ganz persönlichen Ebene berührte mich diese Erfahrung dann in dem nächsten Raum. Dort war in einer Glasvitrine eine Sträflingsuniform mit einem rosa Winkel ausgestellt. Ich kannte diese Kennzeichnung, hatte ich sie doch zuvor, da ich mich damals mitten im Coming-Out befand, mit einem gewissen – in diesem Moment als falsch konnotierten – Stolz, oft genug in mein Hausaufgabenbuch gemalt. Doch was ich dort vor mir sah war nicht der „gestreifte Pyjama“ (um einen späteren Filmtitel zu zitieren), dort vor mir befand sich „meine Uniform“. Das einzig mir zugestandene, legitime Kleidungsstück, dass mir die Nazis seinerzeit verpasst hätten.

Jetzt war kein Halten mehr und ich schluchzte leise vor mich hin. Ich kam mir vor wie Atreju aus der unendlichen Geschichte in dem Moment, in dem er durch das Ausrufen des Namens der kindlichen Kaiserin merkt, dass er Teil der Geschichte ist. Auch wenn ich einige Jahre zuvor mit großer Faszination „Sofies Welt“ gelesen hatte, begriff ich erst in diesem Moment das Ende dieses Romans. Es war diese unmittelbare Erfahrung, die mir zeigte, dass ich mich, wenn auch in einer anderen Zeit, so doch in derselben Realität befand.

Auch wenn ich nach dieser Erfahrung selbst die allbekannten Schwarzweiß-Dokumentationen mit anderen Augen sehe, so ertappe ich mich noch heute dabei, dass mich colorierte Originalaufnahmen irgendwie direkter berühren. Ebenso nehme ich mir einen Roman oder Film alleine durch den kleinen Verweis „auf Basis realer Begebenheiten“ näher zu Herzen. So finde ich es einen genialen, meisterhaft gelungenen Kunstgriff von Steven Spielberg, den an sich schon sehr emotionalen Film „Schindlers Liste“ durch die Farbgebung der Kerzen sowie des Mantels des kleinen Mädchens und das Einbeziehen der Nachfahren am Ende noch um ein Vielfaches ausdrucksstärker zu machen.

Doch zurück zur East Side Gallery. Dieses letzte verbliebene, längere Teilstück der Berliner Mauer ist für mich ebenfalls ein Ort einer solchen „konkreten Erinnerung“ – nicht vergleichbar etwa mit den Teilstücken am Potsdamer Platz. Als wir damals den einen Durchbruch durchschritten, um zur dem Ufer zugewandten Seite zu gelangen, nachdem wir vorher diese unendlich wirkende Mauerfront die Gemälde bestaunend entlang flaniert waren, stellten wir uns die Frage, ob es denn nun sinnvoll sei, auf dieser jetzt als Innenseite (damals Außen- bzw. Westseite) daherkommenden Passage zwischen Mauer und Spree zurückzugehen, da keiner darauf geachtet hatte, ob sich am Ende ein weiterer Ausgang befinde. Die an sich simple, doch in diesem Moment bedeutungsgeladene Frage war: Kommen wir denn da überhaupt noch einmal raus?

Kommen wir denn da überhaupt noch einmal raus? Es grenzt schon an einen Zynismus der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, dass diese Frage zwei komplett verschiedene Bedeutungen hat, je nachdem, ob man sie sich als Tourist an der East Side Gallery oder als Ostdeutscher hinter der Mauer stellt. Auch hier die direkte Erfahrbarkeit. Man sieht die Mauer, man hört die dahinterbefindliche Umgebung, man fühlt die Kälte des harten Steins und riecht das leichte Betonaroma. Das Optische, das Akustische, das Haptische und das Olfaktorische verschmelzen und vereinen sich mit dem Emotionalen zu einem ganz besonderen Konglomerat, welches einen ganz eigenen Eindruck auf das Denken macht und alle Sinne mitbegreifen lässt (mit Ausnahme des Gustatorischen, was zwar möglich wäre, nicht jedoch ersterebenswert ist).

Solch einen Ort einem rein kommerziellen, scheinbar höheren Anliegen zu opfern, ist abscheulich. Es geht ja hier nicht darum dieses Stück Geschichte in irgendeiner Form umzugestalten oder zu verbessern, hier handelt es sich um ein reines Weichen-Müssen, um die blanke Zerstörung eines Kulturguts. Die Verantwortlichen dieses Bauvorhabens – sowohl in Planung, Umsetzung und Politik – sollten sich darüber im klaren sein, dass sie sich zu Vergewaltigern der Kultur machen. Menschen die so etwas tun, hätten wahrscheinlich unter anderen Umständen wohl auch keine Probleme damit, Bücher zu verbrennen. Es würde mich nicht wundern, wenn in einigen Jahrzehnten ein ach so findiger Investor auf die Idee käme, aus Auschwitz ein Ferienlager zu machen inklusive Gemeinschaftsdusche und Grillplatz.

So schließe ich mit einer Abwandlung zweier berühmter: So lange das Feingefühl solcher Banausen geschlossen ist, so lange ist der Wer des Vergessens offen. Mister Wowereit, secure this mile; don’t tear down this wall!

Drum singe, wem Gesang gegeben

Als ich noch zuhause lebte, habe ich Jahre lang im Chor gesungen. Erst im Kinderchor unseres Ortes, dem ich von der ersten Stunde an angehörte und später dann im Kirchenchor. Später wirkte ich dann in einigen semiprofessionellen Musicalproduktionen mit, sang in der Bigband unserer Schule und hin und wieder mal zu Hochzeiten oder ähnlich feierlichen Anlässen und nicht zuletzt dann als Cressida Treulos auch auf einigen Kölner Bühnen.

Doch neben all diesen offiziellen Gelegenheiten, gab es auch das ganz private Singen. Da aus unserer Familie zeitweise fast alle gemeinsam im Chor sangen und passenderweise somit alle vier Stimmen besetzt waren, kam es nicht selten vor, dass man sich hin und wieder um das Klavier versammelte und gemeinsam die kürzlich einstudierten Chorstücke sang. Auch besaß meine Mutter in ihrem alten Auto kein Radio, was dann dazu führte, dass wir, wenn wir gemeinsam irgendwohin fuhren, sämtliche Lieder in unserem Repertoire sangen und wenn uns dieses ausging, so sangen wir alles Mögliche querbeet und ich erfand einfach ad hoc eine zweite Stimme hinzu.

Noch heute kann ich die meisten der damals einstudierten Stücke auswendig – nicht nur den Text sondern bei manchen auch alle vier Gesangsstimmen. Nicht zuletzt lässt sich damit auch bei Altsprachlern Eindruck schinden, da man durch diverse Messen, die lateinischen Texte alle Auswendig kann – sei es das „Te deum“, das „Gloria“ oder Sonstiges.

Seit meiner Zeit in Heidelberg beschränkt sich mein Gesang leider nur noch auf gelegentliches Singen unter der Dusche oder wenn einem eben gerade danach ist, was insofern bedauerlich ist, dass ich merke, dass die Stimme zunehmend an Übung verliert und der Tonumfang insbesondere nach oben hin, langsam aber stetig nachlässt. Naja, ich denke, das wird sich wohl auch irgendwann wieder reaktivieren lassen. Dennoch bin ich in den letzten Jahren eher zum Konsumenten von Tönen geworden statt zum Produzenten. Dabei gibt es eigentlich – außer Tanzen, was ich jedoch auch vernachlässige, vielleicht – nichts Schöneres und Befreienderes als den Gesang.

Der Volksmund sagt so schön: „Wo man singt, da lass‘ dich nieder. Böse Menschen haben keine Lieder.“ In gewisser Weise stimmt dies auch. Wenn auch nicht in der Hinsicht, dass Musik nicht auch für üble Zwecke instrumentalisiert würde, so jedoch hinsichtlich der Gemeinsamkeit, die man miteinander erleben kann, wenn man zusammen singt. Man kann schwerlich zusammen reden – zusammen singen kann man schon. Viele individuelle Stimmen fügen sich zu einem einheitlichen Ganzen zusammen und selbst wenn jeder eine andere Stimme singt, so verliert sich jeder Einzelne doch im Ganzen und es entsteht eine Harmonie. Das gilt sogar für den Fall, in dem man zueinander passende Lieder miteinander kombiniert also so genannte Quodlibets. Für alle, die den Begriff zum ersten Mal hören, sei hier ein Beispiel gegeben:

Man kann die Kanons „Es tönen die Lieder“, „C-A-F-F-E-E“, „Heut‘ kommt der Hans zu mir“ und „Hab mein‘ Wagen vollgeladen“ miteinander kombinieren, so dass man bei entsprechender Besetzung nicht nur jeden Kanon für sich dreistimmig singen kann, sondern alle vier Kanons zu je drei Stimmen, ergo zwölfstimmig singen kann. Allerdings klappt dies meist nur dann, wenn jeder auch gewohnt ist, etwa dadurch, dass er einmal eine Zeit lang in einem Chor gesungen hat, ganz auf sich alleine gestellt, gegen andere anzusingen. Schließlich hat jeder der zwölf in dem Fall nicht nur eine eigene Melodie sondern auch einen eigenen Text. Doch gerade dies macht den Reiz daran aus: Der Verstand sagt einem, dass dies ein reines Chaos ergeben müsse, doch die Logik der Musik belehrt einen eines Besseren.

Solche komplexen Stücke singe und höre ich am liebsten. So überrascht es auch nicht, dass mein Lieblingsstück aus „Phantom der Oper“ das Ensemblestück „Primadonna“ ist – ein achtstimmiges Lied, in dem ebenfalls verschiedene Melodien, Rhythmen und Texte miteinander kombiniert werden. Herrlich, wenn dies sich dann doch zum reinsten Hörerlebnis zusammenfügt.

In meiner Familie waren eigentlich immer schon viele Sänger, einer jedoch, ein entfernter Verwandter mütterlicherseits, leitete mehrere überregionale Chöre: Werner Lohner. Mit seinen Chören bereiste er die halbe Welt um Konzerte zu geben. Wann immer er mich traf oder gar singen hörte, war er nicht müde, mich einzuladen, doch in einem seiner Chöre mitzuwirken. Leider kam es nie dazu, denn da es sich um überregionale Chöre handelte, die sich an wechselnden Orten zu Proben trafen und auch durch die Auftrittsreisen immer viel Zeit beansprucht hätten, konnte ich dieser Einladung leider nicht folgen. Gerne hätte ich jedoch bei so einem großen Chor einmal mitgesungen.

Aber was nicht ist oder besser war, kann ja noch werden. Allerdings schiebe ich meine Sangesaktivitäten noch etwas hinaus, bis zu dem Zeitpunkt, wenn ich wieder etwas mehr Zeit dafür habe und wie auch immer seßhaft geworden bin. Denn eins habe ich schon damals gelernt: Zum Singen ist man nie zu jung und nie zu alt und im Gegensatz zum Fahrradfahren verlernt man es wirklich nicht.

P.S.: Dieser Beitrag ist Regina Görner gewidmet, die sich für Ihren Geburtstag statt eines Präsents etwas „Selbstgebasteltes respektive –geschriebenes“ gewünscht hat. Herzlichen Glückwunsch, liebe Regina. Da ich weiß, wie viel Freude dir der Chorgesang macht, dachte ich mir, dass dies ein schönes Thema für einen Beitrag sei. Habe einen schönen Tag, wir sehen uns heute Abend.

Die Magie des Wiederentdeckens

Gestern stieß ich, während ich mich durch die Kanäle schaltete, auf einen ganz besonderen Film. An sich ist dieser Film nichts Besonderes, jedoch hat er für mich eine besondere Bedeutung. Es handelt sich um einen französischen Zweitteiler von 1990, basierend auf dem autobiographischen Roman „Eine Kindheit in der Provence“ des französichen Schriftstellers und Regisseurs Marcel Pagnol. Der erste Teil heißt „Der Ruhm meines Vaters“, der zweite „Das Schloss meiner Mutter“. Beide Titel habe ich etwa 20 Jahre wie einen Schatten in meinem Unterbewusstsein getragen, ohne mich konkret an den Film erinnern zu können.

Ich konnte mich lediglich an das Gefühl erinnern, welches ich damals verspührte, als ich diesen Film als kleiner Junge sah. Seinerzeit hatte ich einen kleinen Fernseher auf meinem Zimmer, da dieser als Monitor für meinen Computer diente. Dadurch war es mir möglich, auch wenn nicht unbedingt gerne von meinen Eltern gesehen, abends, wenn ich nicht schlafen konnte, noch fernzusehen. Ebenso wie gestern stieß auch auch damals durch Zufall auf diesen Film. Dieser muss mich auf eine unerklärliche Art und Weise fasziniert haben, denn seltsamerweise musste ich, obwohl ich ihn seitdem nie wieder gesehen hatte, immer wieder an ihn denken. Gewissermaßen stellte dieser Film für mich ein Kleinod der Kindheit dar, etwa wie ein geheimer Ort, an dem man sich als Kind versteckte oder ein Schatz, den man in jungen Jahren hegte. Der Film hatte etwas Magisches an sich und soweit ich mich erinnern kann, habe ich dennoch nie mit irgendjemandem darüber gesprochen – ein Aspekt mehr, der mich verwundern lässt, warum ich mich gestern sofort daran erinnerte. Denn das, was man wiederholt, weitererzählt und mit anderen teilt, lässt sich gemeinhin gut behalten, zu dieser Kategorie gehört dieser Film jedoch bei weitem nicht. Umso gespannter schaute ich ihn mir gestern an. Ich wollte herausfinden, was mich seinerzeit so in den Bann gezogen hatte.

Was dies war, ist mir auch jetzt noch schleierhaft. Denn es ist einfach ein schöner, idyllischer Film über die Kindheit des Erzählers, die dieser mit seiner Familie in den Ferien immer in einem kleinen Haus in den Hügeln der Provence verbringt. Dort verliebt er sich – nicht in irgendwen, sondern in die Hügel, die ihn auf ganz eigene Weise verzaubern. Er lernt einen Freund dort kennen und erfährt eine kurze, wenn auch enttäuschende erste Liebe zu einem Mädchen. Im Gegensatz zum ersten spielt jdoch im zweiten Teil nicht so sehr der Aufenthalt in dem Häuschen die zentrale Rolle, sondern der Weg dorthin. Denn dadurch, dass sich Privateigentümer und Schlösser zwischen der Stadt und den Hügeln befinden, ist die Familie gezwungen, immer einen mehrstündigen Umweg um diese Anwesen herum zu gehen.

Eines Tages jedoch trifft der Vater des Protagonisten einen alten Schüler. Dieser ist mittlerweile Kanalwächter des Kanals, welcher mitten durch die Anwesen fließt und verfügt über einen Schlüssel, mit dem man durch verschiedene Türen die Gärten entlang dieses Kanals durchqueren und somit eine Abkürzung nehmen kann. Der Vater, der als Volksschullehrer und aufrichtiger Beamter anfangs noch zögert, das Privateigentum anderer Menschen zu betreten, gibt dem Drängen der Familie jedoch nach. Doch bleibt dieser Weg weiterhin ein Abenteuer. Auch wenn man sich mit dem Besitzer des ersten Anwesens und einem Bediensteten des zweiten mit der Zeit anfreundet, so muss die Familie zuletzt durch den Garten eines Schlosses, in dem nach den Erzählungen des ehemaligen Schülers ein böser Aufseher mit einem großen Hund zu lauern droht. Deswegen hat besonders die zarte und vom Jungen heiß geliebte Mutter immer wieder Angst davor, dieses letzte Anwesen zu betreten. Natürlich werden sie eines Tages von dem Aufsehen ertappt, was den Vater in eine prekäre Lage versetzt, aus der ihn jedoch der ehemalige Schüler sowie dessen Freunde mit Hilfe einer List befreien können.

Wunderschöne Landschaftsaufnahmen umrahmen die nostalgische Geschichte, die jedoch nicht über ein bestimmtes Element verfügt, von dem ich sagen könnte, dass dies der Grund gewesen sei, weshalb ich eine so seltsame Beziehung zu diesem Film gehegt habe. Dennoch hat mich die Magie gestern wieder gepackt und ich fühlte mich wie der acht- oder neunjährige Junge, der ich damals war. Auch habe ich im Rückblick einige interessante parallelen zwischen dem Film und meinem Leben gefunden, jedoch nichts davon hätte ich seinerzeit schon wissen, geschweige denn vorausahnen können – am allerwenigsten dass es gerade die Schlüsselszene in den letzten Minuten des zweiten Teils ist, die jetzt dafür sorgt, dass der Film eine zusätzliche Bedeutung bekommt.

Der Erzähler lässt die Geschichte hier abrupt enden mit dem Verweis darauf, dass die sich wiederholenden Ferien nach fünf Jahren durch den Tod der Mutter jäh beendet wurden und in der Zwischenzeit sowohl sein Freund aus Kindertagen als auch sein kleiner Bruder verstorben sind. Er selbst ist mittlerweile Regisseur und kauft sich als Filmkulisse ein Schloss. Als er dieses jedoch zum ersten Mal sieht, erkennt er darin, eben jenes Anwesen, vor dem seine Mutter sich immer so fürchtete. Ebenso wie er nun etwas immer im Unterbewusstsein vorhanden Gewesenes, doch scheinbar Vergessenes wiederentdeckt, habe ich nun diesen Film wiederentdeckt. Und während ich hier sitze und über diese paradoxe, fast schon ironische Parallele nachdenke, fällt mir auf, dass der Film auch mich an eine Zeit erinnert, an dem alles noch idyllisch und in Ordnung war. Mittlerweile habe auch ich liebgewonnene Menschen verloren, die seinerzeit noch lebten.

So befinde ich mich nun in genau dem gleichen, verwirrenden Geisteszustand, der einem das Gefühl gibt, zwischen den Zeiten zu schweben, wie der Protagonist des Films beim Anblick des Schlosses. Durch eine Begegnung herausgerissen aus dem Hier und Jetzt; physich in der Gegenwart, doch emotional in der Vergangenheit sinniere ich über einen Satz, der den Zeitsprung des Films einleitet: „Die Zeit vergeht und dreht das Rad des Lebens wie ein Mühlrad.“

P.S.: Gerade erinnere ich mich auch wieder an eine Situation, in der ich mich, lange nach dem Schauen des Film, immer wieder an diesen erinnerte: Jahre nachdem ich ihn gesehen hatte, ging ich dann auf’s Gymnasium. Da dieses sich auf einem Hügel befand, dessen Aufstieg meist recht lästig war, nahmen wir damals immer eine Abkürzung von der Bushaltestelle, die durch einen kleinen Wald führte, dann musste man einen Waldweg überqueren, der an einer Mauer entlangführte, einen steilen aber kurzen Hang hinaufklettern, aufdem eine Eisenbahnlinie verlief, die man dann zu überwinden hatte, um auf die dahinter befindliche Straße zu gelangen, die dann wiederum zur Schule führte. Dies war der kürzeste Weg, der jedoch offiziell verboten war, eben weil man dabei die Gleise zu überqueren hatte – wir nahmen die Abkürzung dennoch immer dann, wenn wir uns sicher waren, nicht von einem selbst auf dem Schulweg befindlichen Lehrkörper erwischt zu werden. Die Kombination aus Wald, Weg, Verbotenem und Abkürzung, hat wohl damals immer die Erinnerung an den Film wachgerufen, zumal das doch irgendwie gefährlichste und gefürchtetste Teilstück des Weges der letzte Teil war. Wahrscheinlich verknüpfe ich deswegen diese Anekdote auch jetzt mit dem Film und löse vielleicht bei dem ein oder anderen Leser, der diesen Weg damals ebenfalls gegangen ist, ein ähnliches Erlebnis des Erinnerns aus.

Willkommen auf meinem neuen Blog…

Nach über 5 Jahren wurde es mal Zeit für einen neuen Anstrich. Nach und nach werden auch alle alten Beiträge hier veröffentlicht werden – bis alle Texte umgezogen sind, kann es jedoch noch etwas dauern. Der alte Blog ist natürlich weiterhin unter http://ben82cgn.blogspot.com zu finden.

Der Tag, an dem die Alliierten landeten

Ein kleiner Hügel irgendwo in der Normandie, der Abend legt sich langsam über die Welt. Dort draußen geht ein gewöhnlicher Bauer ruhig seiner Arbeit nach. Er weiß zwar, dass um ihn herum Krieg ist, doch ist ihm dies egal, da von Kriegshandlungen auf seinem Hof bisher nichts zu spüren war – allerhöchstens mal der ein oder andere Wehrmachtssoldat, der auf der nahegelegenen Straße vorbeizog. Das Land ist besetzt, doch es herrscht insofern Frieden, als dass keine offenen Gefechte ausgetragen werden. Was kümmert ihn schon die Weltpolitik? Doch dies wird sich in einigen Stunden ändern, denn die Alliierten Streitkräfte, deren Invasionsschiffe er heute von einem Küstenvorsprung gesehen hat und die sich auf eine Rückeroberung des Landes vorbereiten, werden in wenigen Stunden das Land erreichen. Dann wird der Krieg stärker in die Realität des Bauern treten. Er weiß noch nicht, was dies für ihn direkt bedeutet. Wird er nur die Schüsse aus der Ferne hören oder werden auch auf seinen Feldern Kämpfe ausgetragen? Werden die Soldaten gar seinen eigenen Hof zum Kriegsschauplatz verwandeln? Er weiß es nicht.

In den letzten fünf Jahren seit meiner Diagnose habe ich hier in meinem Blog das Thema HIV fast nie aufgegriffen. Zurecht, denn es war auch in meinem Leben nicht von tragender Bedeutung. Vielmehr kam es als Fußnote der eigenen Memoiren daher. Nichts von Bedeutung, nichts, worum man Aufsehens machen müsste. Dennoch habe ich mich dazu entschlossen, heute dieses Thema aufzugreifen, da diese Woche in gewisser Weise eine Zäsur darstellt: Ich habe die antiretrovirale Medikamententherapie begonnen.

„Ich denke, es wäre ratsam, nun mit einer Therapie zu beginnen,“ dieser Satz sitzt, wenn man ihn hört. Auch wenn es keinen akut gefährdenden Anlass gibt, so macht dieser Satz Angst, da er eine gewisse Endgültigkeit mit sich bringt. Es ist nun soweit, die nächste Ebene ist erreicht und man hofft, dass man in diesem „Level“ möglichst lange verharre, wissend, dass das nächste um einiges schwerer werden wird. Vor etwa sechs Wochen hatte ich diesen Rat entgegengenommen und um Bedenkzeit gebeten, da dies keine Entscheidung ist, die man ad hoc in einer Arztpraxis fällen sollte. Geht es schließlich darum, sich für oder gegen den Einsatz hochchemikalischer Medikamente zu entscheiden. Dass dieser Tag irgendwann kommen würde, war einem seit jeher klar, doch ist es ein Unterschied, wenn er vor einem steht.

In fünf Jahren habe ich viel erlebt, viel Unterstützung, kaum Ablehnung. Weniger aus eigenem Impuls heraus habe ich über dieses Thema gesprochen. Allerdings bedingt es, dass man irgendwie doch immer wieder darüber spricht und es immer wieder aufs Tapet kommt. Dann heißt es aufklären, anderen Menschen die Vorurteile und Ängste nehmen, immer gleiche Fragen zu beantworten und Sorgen zu entkräften. Im Gegensatz zu manch Anderem hatte ich das große Glück, eine Stigmatisierung oder einen gesellschaftlich-sozialen Ausschluss nicht erleben zu müssen. Gerade deshalb war es auch so einfach, dem Ganzen keine allzu große Bedeutung beizumessen. Relevanz hatte es nur in den Situationen, die man sowieso nicht im öffentlichen Raum ausbreitet.

Ich bin von meinem Umfeld oft dafür bewundert worden, wie ungezwungen ich mit diesem Thema umgehe. Vieles von dem Gesagten entbehrt auch nicht der Gütigkeit. Doch gab es auch eine andere Seite: Das hochgradig unvernünftige Ausblenden der Tatsachen. Aufgeschobene Arztbesuche, der Prokrastination anheimgefallen, das Nicht-wissen-wollen, die Angst zum Sklaven des eigenen Blutbildes zu werden. Was sollen mir zwei Werte schon sagen? Ich lebe und ich lebe gut – warum sich also sorgen? Man spürt nichts, der Körper erinnert einen nicht daran, was Sache ist und so bedarf es dann manchmal eines älteren Freundes, der einen unter Tränen darum bittet, doch nicht so unverantwortlich mit sich selbst umzugehen, da er schon habe Leute genau an den Folgen solcher Unverantwortlichkeit habe sterben sehen. Das nimmt einen schon mit und bewirkt, dass man dann doch vernünftig wird, sich wieder untersuchen lässt. Wenn sich jedoch dann herausstellt, dass soweit noch alles in Ordnung ist, dann beginnt es wieder, dieses langsame Sich-gehen-lassen. Natürlich sagt die Ratio einem, dass es nicht richtig ist – doch diese weiß man auch in anderen Situationen, etwa dem Rauchen auszublenden. Der Mensch ist zwar ein vernunftbegabtes Wesen, jedoch auch fähig, sich über selbige hinwegzusetzen. Das erst macht ihn menschlich.

Doch damit ist nun Schluss, nun kommt eine Zeit der Kontinuität. Jetzt tritt das Thema mindestens einmal täglich in Form kleiner, bunter Helferlein in Erscheinung. Der Tod schickt allabendlich eine Ansichtskarte aus der Ferne. Ab jetzt wird die Herausforderung nicht mehr darin liegen, die Unvernunft mittels der Ratio zu bekämpfen, sondern nun geht es darum, aus diesem stetigen „memento mori“ des Abends, ein „carpe diem“ des darauffolgenden Tages zu machen. Hinsichtlich des Gelingens dieser Aufgabe bin ich zuversichtlich und nehme sie gerne an. Schließlich liegt hierin das Potential das Leben ganz anders und viel bewusster wahr zu nehmen als bisher.

Hinzu kommen allerdings auch die Kollateralschäden dieses Kampfes. Auch wenn ich in den ersten Tagen keine besonders belastenden Nebenwirkungen verspüre, so doch genau die, die mich am ehesten belasten. Während der leichte Schwindel nach der Einnahme eher dem letzten Glas Rotwein, dass man zu viel getrunken hat, gleicht noch als recht amüsante Erscheinung daher kommt, so lassen mich andere Begebenheiten eher ins Grübeln kommen. Die Mattheit, die kleinen Aussetzer in der Konzentration und dieses Gefühl, als habe man die Nacht zuvor kräftig gefeiert. Man fühlt sich schlapp und es bedarf einiges mehr an Kraft, die vor einem liegenden Aufgaben zu bewältigen. Die Arbeit leidet zwar inhaltlich nicht darunter, jedoch ist man danach erschöpfter. Es bedarf eines größeren Aufwandes, das eigene Denken zu sortieren, gegen die latente Müdigkeit anzugehen. In den ersten Tagen ist mir dies gelungen und ich werde auch eine Weile noch gut dagegen angehen können. Bis dahin, so heißt es, würden diese Nebenwirkungen auch nachlassen. Dennoch die Angst: Was, wenn nicht? Hat man die Energie, diese Kraft über Monate oder Jahre aufzubringen? Was, wenn sich jetzt für allezeit ein Schleier über die sonst so klaren Gedanken legt? Jemandem wie mir, der den Körper immer nur als notwendige Verpackung des Geistes gesehen hat und sein ganzes Selbst auf Letzterem begründet hat, bereitet dies Sorgen. Doch will ich diesen Bedenken vorerst nicht so viel Raum geben und erst einmal abwarten, was in den nächsten Wochen so passiert.

In einem Monat ist Welt-Aids-Tag, das alljährliche Ritual. Die Medien werden das Thema aufgreifen, Menschen werden sich rote Schleifen ans Revers heften und die ganze Welt richtet ihre Augen betroffen auf ein Thema, dass sie ein paar Tage später am Glühweinstand der Weihnachtsmärkte schon wieder vergessen hat. Bis dahin wird sich auch für mich einiges Verändert haben. Der Alltag fordert seinen Tribut und lässt die nun akuten Gedanken zunehmend an Brisanz verlieren. Dann geht das Leben weiter, anders als bisher, jedoch deswegen nicht unbekümmerter. Es gibt ein tägliches Ritual mehr – nicht mehr, nicht weniger.

So legt sich der Bauer abends schlafen, die fernen Schüsse hörend. Einerseits beruhigt, dass nun die rettende Verstäkung eingetroffen ist, dennoch auch besorgt; doch hoffend, dass sein Hab und Gut nicht zu oft ins „friendly fire“ gerät.