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Volkes Werk und Merkels Beitrag

Quelle: flickr; CC: Abode of ChaosSo oder so ähnlich könnte man diese Woche übertiteln, denn unsere Bundeskanzlerin machte in den letzten Tagen eines klar: Ohne sie läuft in Europa nichts. Noch vor der Wahl dachte ich, dass ihr Konterfei auf den CDU-Wahlplakaten zur Europawahl lediglich der Tatsache geschuldet sei, dass der breiten Masse Jean-Claude Juncker wenig bis nicht bekannt ist, und man auf die Mutti setze, die ihre Kinder zur Urne lockt, was an sich keine schlechte Strategie war – im Gegensatz zur Wahlstrategie der bayerischen Schwesterpartei, die mit ihrem „Ja, aber, vielleicht auch nicht, am besten Jein“-Kurs vollends daneben lag. Dass es jedoch retrospektiv auch anders gesehen werden kann, war mir letzte Woche noch nicht klar. Denn rückblickend war die Hauptaussage der Kampagne: Ich bin Europa und scheitere ich, dann scheitert Europa.

An sich sollte diese Europawahl ein Schritt zu mehr Demokratie sein, denn erstmalig gab es zwei Spitzenkandidaten für den Posten des Kommissionspräsidenten, von denen dann einer vom durch Volkesvotum legitimierten Parlament gewählt werden soll. Auch wenn das Vorschlagsrecht für den zu Wählenden beim Europäischen Rat liegt, so ist dies doch ein kleiner Schritt hin zu mehr wirklicher Gewaltenteilung. Denn – wie schon so oft in meinen Beiträgen kritisiert – diese ist auf europäischer Ebene nicht konsequent gegeben, da die nationale Exekutive mit der supranationalen Legislative amalgamiert und somit ein verfassungsrechtlicher Brei entsteht, der die klassische Dreiteilung verwässert.

Soweit die Ausgangslage vor der Wahl, die – das darf man nicht vergessen – in einer ziemlich frostigen Zeit für Europa stattfand. Der Ausgang der Wahl hätte wesentlich schlimmer sein können als er ist, was jetzt nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass es durchaus sehr bedenkliche Entwicklungen gibt. Daher war es an sich ein erfrischendes Zeichen, dass schon kurz nach dem Ergebnis trotz vorheriger kurzer Interimsunstimmigkeiten, wie sie nach Wahlabenden, an denen es ja meist nur Sieger gibt, keine Seltenheit sind, vom Parlament ein Signal der Geschlossenheit ausging, in dem man parteiübergreifend den Auftrag der Mehrheitsfindung an Juncker gab. Hier war wider Erwarten ein Hauch des EU-Mottos „in Vielfalt geeint“ zu spüren.

Doch dann kam Mutti und stellte klar: „L’UE c’est moi!“ Von jetzt auf gleich machte sie eine Kehrtwende und entzog ihrem eigenen Spitzenkandidaten das bestens bekannte vollste Vertrauen und kündigte an, dass die nun anstehenden Entscheidungen erst einmal wieder ins Hinterzimmer verlagert werden: Schließlich hat das Volk seine Stimme ja „abgegeben“. Ursula hat nun die Stimme und Arielle schaut schweigend drein – da sie ja jetzt Beine hat, kann sie ja gehen, wenn’s ihr nicht passt. Das Volk hat seine Schuldigkeit getan, das Volk kann geh’n.

Paradoxerweise wird sie sich damit nicht nur insofern untreu, als dass ihr vor der der Wahl zur Schau getragener Juncker-Jubel vergessen scheint, sondern durchbricht auch sämtliche ihr zugeschriebenen Handlungsmuster. Von einem zögerlichen Abwarten und dem gewohnten Erst-mal-laufen-lassen kann bei diesem fukushimatischen Aktionismus nicht mehr die Rede sein. Sie spingt in medias res um ab ovo alle Strippen in der Hand zu halten. Sie ist laut Forbes-Ranking die mächtigste Frau der Welt und damit dies auch wirklich der Letzte versteht, wird jetzt in schröder‘scher Basta-Manier mal kräftig auf den Tisch geklopft.

So oft Merkels Wege unergründlich scheinen, so haben sie jedoch immer nur ein einziges Ziel: Das Stärken und Festigen der eigenen Macht. Daher wäre es nicht verwunderlich, wenn Juncker nun der nächste Dominostein ist, der in der langen Reihe gefallener Politiker umkippt, damit Angela ein ausreichend stabiles Pflaster hat, auf dem sie ihren roten Teppich ausrollen kann. Doch ist dieses Vorgehen nicht nur „dumm“, wie Rolf-Dieter Krause in seinem gestrigen, sehenswerten Tagesthemenkommentar feststellte, sondern auch brandgefährlich: Auf dem Rücken eines instabilen Europas sollte man keine Individualpolitik betreiben. Das kann nur nach hinten losgehen.

Es ist zu befürchten, dass das gerade zaghaft aufkeimende Sprößlein eines EU-Interesses, das sich unter anderem in einer leicht gestiegenen Wahlbeteiligung äußerte, jetzt durch eine durch solches Verhalten ausgelösten Welle der Politikverdrossenheit wieder zerstört wird. Dies wäre ein zu hoher Preis für persönlichen Machterhalt.

Doch mit hohen Preisen müsste sich Frau Merkel mittlerweile ja auskennen: Denn das Erstarken der AfD hängt stark mit dem Untergang der FDP zusammen, den Merkel zwar nicht zu verantworten hat – denn die FDP brauchte keine Hilfe bei der Selbstzerfleischung –, den sie jedoch auch ohne Bedauern zugelassen hat, obwohl es ihr – wem wenn nicht ihr – durchaus möglich gewesen wäre diesen durch engagierte Unterstützung zumindest abzumildern.

Am teuersten wird die Ära Merkel jedoch die Union zu stehen kommen. Die Partei der Kanzlerin-Claqueure, die alles bejubeln, was Mutti macht, wird die Zeche post-merkel zahlen müssen. Denn da Merkel dafür sorgt, dass sie der einzige Stern am Unionshimmel ist und peu a peu alle sie umgebenden Lichtquellen auslöscht, wird es sehr dunkel sein, wenn sie dereinst aus der Politik aussteigt. Erst kommt Merkel, dann lange Zeit nichts und das zur Verfügung stehende Personaltableau der Union wird von Jahr zu Jahr dünner. Wer zu weit nach oben steigt, wird fallen und selbst die oft so bezeichnete Thronerbin von der Leyen sitzt mittlerweile auf dem politischen Schleudersitz der Verteidigung – noch.

Ich sehe die Zeitungen schon vor mir, die dereinst, nach einem Rückzug von Merkel, titeln werden: „Und die Mutter blicket stumm auf dem leeren Tisch herum.“

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Asche auf unser Haupt…

Quelle: flickr; CC: Assassin de la police„Sometimes I feel like I’m diagonally parked in a parallel universe“, so lautet ein Spruch auf einem Kühlschrankmagneten, den ich vor Jahren einmal gesehen habe und der mich ad hoc zum Schmunzeln brachte. Doch irgendwie ist es genau ein solch deplaziertes Gefühl, dass ich in der letzten Zeit habe, wenn ich die überdurchschnittliche mediale Aufmerksamkeit betrachte, die aktuell wieder der Homosexualität gewidmet wird. Zeitweise habe ich die leise Befürchtung vielleicht versehentlich in ein Wurmloch getreten zu sein, welches mich 20 Jahre in die Vergangenheit katapultiert hat.

Dass das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger recht große Wellen schlug, war insofern noch nachzuvollziehen, als dass er der erste deutsche Spitzenfußballer ist, der diesen Schritt, wenn auch nicht in der aktiven Zeit, gemacht hat und somit nicht nur für eine große Überraschung sorgte (selbst in der Szene, wo keiner damit gerechnet hätte, dass diese „letzte Bastion des Schweigens“ fällt) sondern auch allen Respekt verdient hat.

Doch ebbten danach schwullesbische Themen in den Medien nicht ab. So wurde lang und breit – und zum Teil mit großer Verbissenheit – die Absicht der grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg, Homosexualität im Zuge des Aufklärungsunterrichts in den Lehrplänen zu thematisieren, diskutiert und bekämpft. Ein Fakt, von dem ich eigentlich dachte, dass ihm sowieso (auch ohne explizites Anführen im Lehrplan) Rechnung getragen würde, gibt es doch einige sehr engagierte Aufklarüngsinitiativen, in denen Schwule und Lesben in die Schulen gehen, um dort von ihren Erfahrungen zu berichten.

Etwas verwundert war ich jedoch, dass das Zeitmagazin seit Kurzem eine „schwule Kolumne“ ins Leben gerufen hat und als ich dies sah, dachte ich bei mir: „Brauch man sowas heute noch?“

Einige Tage darauf jedoch stellte sich die Antwort von selbst ein. Denn auch die Panorama-Reportage mit dem Titel „Die Schwulenheiler“, in der ein schwuler NDR-Journalist in ultra-christlichen Kreisen der exorzistisch anmutenden Praxis der Konversionstherapie auf den Zahn fühlt, sorgte für einiges Aufsehen.

All dies ließ mich darüber nachgrübeln, ob meine Wahrnehmung der Welt, wie ich sie sehe, überhaupt stimmig ist. Denn wie schon eingangs erwähnt, bin ich etwas perplex, dass das Thema Homosexualität in Deutschland noch immer so polarisieren kann. Ganz ehrlich hatte ich in den letzten Jahren das Gefühl, als sei unsere Gesellschaft schon wesentlich weiter.

Natürlich gab es all die endlosen Debatten rund um die Gleichstellung der Lebenspartnerschaft mit den dazugehörigen Urteilen, Gesetzesänderungen und so fort. Jedoch hielt ich das eher für das letze Glattbügeln einer an sich sonst durchaus gelungenen Integration. Doch gerade die im Südwesten geführte Bildungsdiskussion und die Tatsache, dass es praktizierende, approbierte Ärzte gibt, die ihre Umpolungstherapie sogar unter Billigung der Ärztekammer und mit Mitteln der privaten und gesetzlichen Krankenkassen durchführen, ließ mich doch in gewisser Weise fassungslos zurück.

Die von der Weltgesundheitsorganisation im Jahre 1992 abgeschlossene zehnte Revision der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10), löste die ICD-9 von 1976 ab, in der noch im Abschnitt „Neurosen, Persönlichkeitsstörungen (Psychopathien) und andere nichtpsychotische psychische Störungen (300-316)“ im Unterkapitel „302 Sexuelle Verhaltensabweichungen und Störungen“ unter dem Code 302.0 „Homosexualität“ zu finden war. Im Jahre 1973 war bereits in der dritten Fassung im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-III) die Homosexualität als psychische Störung eliminiert worden. Deswegen sollte der Fall eigentlich klar sein: Wo es keine Krankheit gibt, kann man auch nicht heilen.

Allerdings verwundert mich auch weniger, dass es noch vereinzelt solche Homoheiler und Homohomöopathen gibt, denn schließlich gibt es das schöne Sprichwort: „Jeden Tag steht irgendwo ein Dummer auf.“ Was mich jedoch nachdenklich stimmt, sind die Kommentare, die man teilweise von dem „Bürger auf der Straße“ hierzu hört. Denn in meinem Umfeld gibt es dies schon seit Langem nicht mehr.

1997/98 hatte ich mein Coming-Out. Damals noch in einem beschaulichen Eifeldorf mit knapp 1.600 Einwohnern lebend, war es seinerzeit noch eine mittelgroße Sensation, öffentlich zu sagen, man sei schwul – zumal, wenn es jemand sagte, der noch mitten in der Pubertät steckte. Bis auf eine Ausnahme, die dies jedoch nicht offen lebte, gab es sowas nicht beziehungsweise wurde es nicht thematisiert.

Ebenso war die Situation an meinem circa 800 Schüler fassenden Gymnasium, wo zwar ab und an Gerüchte kursierten, dass dieser oder jener mittlerweile in der Großstadt studierende Exschüler wohl einen Freund habe, man jedoch einen realen Schwulen auch nicht kannte, was dazu führte, dass man mich in der Abiturszeitung augenzwinkernd und sehr freundlich mit den Worten „der die Homosexualität salonfähig machte“ beschrieb.

Dies, das muss ich in diesem Zusammenhang erwähnen, lag jedoch auch an den äußerst günstigen Umständen. Denn schließlich war ich kein Hinterbänkler, den man mal einfach so hätte mobben können – weder in der Schule noch im Ort. Denn schließlich war ich ja „de Benny“, der nicht nur bekannt wie ein bunter Hund war, Karnevalsprinz und Messdiener gewesen war, im Kirchen- und Kinderchor sang und im Musikverein spielte sondern auch Chefredakteur der Schülerzeitung, Mitglied in der Theater-AG, Sänger in der Big-Band und auch sonst überall engagiert, wo man noch einen Vereinsmeier brauchte. Denn jemanden aus der eigenen Mitte, schlägt man nicht eben mal, nur weil er anders ist.

Ich will nicht bestreiten, dass es nicht auch Anfeindungen gegeben hat. Allerdings kamen diese meist aus chronisch-alkoholisierten Jugendkreisen mit entsprechendem Niveau sowie Unverständnis unter Älteren, denen man ihre Vorbehalte durchaus anmerkte, so sehr sie sie zu verstecken suchten. Alles in allem konnte ich mir jedoch, und dafür bin ich noch heute überaus dankbar, einer breiten Unterstützung meines Umfeldes sicher sein.

In den darauffolgenden Jahren wurde das Thema jedoch zunehmend normaler, denn nun begann meine Odyssee durchs Land: beginnend mit Koblenz, das damals schon über eine im Verhältnis zur Einwohnerzahl ungewöhnlich blühende Schwulenszene verfügte, über die schwule Hochburg Köln und Heidelberg, das in erektiler Entfernung (Anm.: dieser Neologismus eines Freundes ist zu schön, um ihn verklümmern zu lassen) zu Mannheim, dem schwulen Epizentrum des Südens liegt bis hin nach Berlin, in dem allein aufgrund der schieren Größe irgendwie Alles normal ist – selbst der von mir häufig scherzhaft zitierte Fetisch grüne Socken auf rosa Poloshirts zu tragen, weshalb es durchaus lukrativ sein kann eine Kneipe für diese Vorliebe zu unterhalten.

Gerade in den Nineties und Naughties sprudelte es ja nur so von neuen Idolen und auch unter den Prominenten stieg die Zahl der offen lebenden Homosexuellen stetig an. Der WDR übertrug die Rosa Sitzung und den CSD, der nach und nach immer mehr auch zu einem Familienevent heranwuchs, was sich dadurch bemerkbar machte, dass in den an der Paradestrecke liegenden Cafés die Senioren herzlich mitfeierten und sich die Zahl junger Familien am Straßenrand erhöhte. Serien wie „Will and Grace“ oder „Queer as folk“ waren zumindest so erfolgreich, dass man sie nicht nach der ersten Staffel absetzen musste und es entstand sogar ein schwuler Fernsehsender (dessen Miserfolg auf eine Reihe außerhalb der hier behandelten fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz liegenden Gründe zurückzuführen ist, aber das ist ein anderes Thema).

Doch woher kommen sie nun, diese Stimmen, die man verstummt glaubte? Habe ich all die Jahre in einer Parallelwelt gelebt – einer Blase um mich herum? Habe ich gar durch die Wahl meiner Umgebung, in die ich mich begab, meine Wahrnehmung selbst insofern beeinflusst, dass ich nur da war, wo es angenehm war? Oder gibt es wirklich einen Rückschlag im Denken der Allgemeinheit und die Meinungen haben sich in prä-neunziger Sichtweisen zurückentwickelt? Ich kann es nicht sagen – vielleicht ist es auch noch zu früh, hier eine Einschätzung zu geben und man muss eventuell erst einmal abwarten und schauen, ob dies ein letztes Aufbäumen reaktionärer Ansichten ist oder doch ein langfristiger Sinneswandel.

Wie dem auch sei: Als ich eben einen Artikel zum diesjährigen Motto des kölner CSD las, freute ich mich richtig. Denn auch wenn man bei dem Titel „Wir sind ‚nur‘ der rosa Karneval“ erst einmal stutz, so wird beim Betrachten der dazugehörigen Kampagne durchaus klar, dass dies ein wohldurchdachtes Konzept ist, welches man nicht besser hätte auf die Domstadt abstimmen können. Denn dadurch, dass einzelne karnevalistische Liedzeilen, die jedem bekannt sind, in einen neuen Kontext gestellt werden, bringt man Dinge zusammen, die für mich schon immer zusammengehörten: den rheinischen Frohsinn, das kölsche Lebensgefühl und die Akzeptanz für sämtliche Minderheiten getreu dem Motto: „jede Jeck is anders“.

Wer weiß – vielleicht erleben wir ja schon morgen einen erneuten Triumph und Conchita Wurst gewinnt das europäischste aber auch schwulste Event, das es gibt, und wir können getrost die Asche, die man in letzter Zeit über uns verstreute, abklopfen, das Krönchen richten und wie ein Phönix neu erstehen. Schließlich hat Dana International es 1998 vorgemacht, wie dies geht. In diesem Sinne: Viva la Diva!

Neun auf Vier – das rat‘ ich dir

Quelle: Ben82cgnOk, ok, ich gebe es zu: Die Verballhornung der im Titel anklingenden Volksweisheit, passt nicht so ganz auf das im heutigen Beitrag dargelegte und ist lediglich meiner Vorliebe für verwirrende Überschriften geschuldet – gepaart mit einer Kreativitätslücke im Zusammenbringen der Zahlen Vier und Neun in eine Formulierung.

Als ich mich vor einiger Zeit mit einem Freund darüber unterhielt, dass dieses Jahr ja vor Gedenktagen kaum zu überbieten ist, was dieser recht kritisch sieht, da er sich mit Gedenkkultur in seiner Studienabschlussarbeit beschäftigte und bemängelt, dass dahinter meist nicht mehr steckt als Sonntagsreden, deren Halbwertszeit nicht bis Montag hält, ist mir aufgefallen, dass es gerade im europäischen Kontext sehr häufig die Jahreszahlen, die auf vier oder neun enden, sind, an denen einschneidende politische Wendepunkte stattgefunden haben. Als ich etwas später dann auch noch mit einem Synästhetiker darüber sprach, der mir berichtete, dass diese beiden Zahlen in seiner Wahrnehmung mit ähnlichen Farben, beide jedoch zudem mit einem unguten Gefühl verbunden seien, unterstrich dies meine Vermutung nur noch – denn so sehr ich eigentlich Rationalist bin, ganz verschließe ich mich dem Obskur-Esoterischen dann doch nicht. Zumal es gewisse Gesetzmäßigkeiten gibt, die durchaus wissenschaftlichen Kriterien standhalten, die für die meisten Menschen kontraintuitiv sind, wie etwa das Newcomb-Benford-Gestz.

Daher meine These: Die Wahrscheinlichkeit für einen bedeutenden Einschnitt in der Ausgestaltung Europas steigt überdurchschnittlich an, wenn eine Jahreszahl auf vier oder neun endet. Klingt nicht nur schön, sondern kann auch mit einer großen Zahl an Indizien (nicht Beweisen) für die letzten 250 Jahre belegt werden:

1789 (vor 225 Jahren):
Am 14. Juli beginnt mit dem Sturm auf die Bastille die französische Revolution. Die Bürger Frankreichs erheben sich gegen das Ancien Régime und läutet damit, wie es mein Geschichtslehrer immer darstellte, das lange 19. Jahrhundert – das Jahrhundert der Nationalstaaten ein, welches erst 1914 mit Ausbruch des ersten Weltkriegs ein Ende finden soll. Die in Paris entstandenen Ideen werden nicht nur Frankreich neu strukturieren, sondern breiten sich in den folgenden Jahrzehnten wie ein Flächenbrand in Europa aus und tragen so zur demokratischen Umstrukturierung fast aller Staaten bei.

1814 (vor 200 Jahren):
Nach der Niederlage von Napoleon Bonaparte wird am 18. September der Wiener Konkress eröffnet, der vor der Aufgabe steht unter Mitwirkung sämtlicher europäischer Herrscher, Fürsten, Städte und Körperschaften, Europa territorial neu zu ordnen, um ein stabileres, friedlicheres Europa mit von allen anerkannten Grenzen zu kreieren.

1849 (vor 165 Jahren):
Das im Anschluss auf die deutsche Revolution gegründete Paulskirchenparlament verkündet am 28. März die neue deutsche Reichsverfassung, welche jedoch aufgrund massiven Widerstands verschiedener Akteure scheitert – unter anderem an der deutschen Frage, welche heftig umstritten ist, da unklar ist, was denn Deutschland sei, was jedoch von allen Beteiligten als ein zentrales Kriterium für die Stabilität Europas gesehen wird. Die Verfassung scheitert zunächst, einige Ideen können sich jedoch ins 100 Jahre später verfasste Grundgesetz retten.

1914 (vor 100 Jahren):
Die angespannte Lage zwischen den europäischen Staaten führt dazu, dass die Ermordung des österreich-ungarischen Thronfolgers am 28. Juni Initialzündung für den Ersten Weltkrieg wird. Später werden einige Historiker dies als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnen und argumentieren, dass die eigentliche Katastrophe, der Zweite Weltkrieg, nicht ohne die folgenschweren Auswirkungen des Ersten Weltkriegs denkbar seien.

1919 (vor 95 Jahren):
Der von den deutschen unter harscher Kritik am 28. Juni unterzeichnete Versailler Friedensvertrag, der unter anderem die Alleinschuld Deutschlands am ersten Weltkrieg zum Ausdruck bringt, wird von vielen Deutschen als eine Schmach empfunden, was der am 14. August verkündeten Weimarer Verfassung, die wohl schlechtesten Ausgangsbedingungen beschert, die man sich denken kann, was dazu führt, dass die neugegründete Republik sich nicht auf die nötige Akzeptanz in der Gesellschaft stützen kann und somit, obwohl es eine sehr kluge und meines Erachtens nach heute noch unterschätzte Verfassung ist, von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist und folglich eine der ersten Sprossen auf der Karriereleiter Hitlers wird.

1939 (vor 75 Jahren):
Nach zu langer duldender Appeasementpolitik, bricht mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September der Zweite Weltkrieg aus. In den folgenden Jahren wird ganz Europa in Schutt und Asche gelegt und es fehlen mir die Worte, adäquat auszudrücken, was dies bedeutete. Allenfalls mag man es, wenn man denn irgendetwas sinnvolles daran sucht, ex post als die konstruktive Dekonstruktion verstehen, die durch die schiere Gewalt und Brutalität und insbesondere durch die Greueltaten der Shoa, ein so massives Umdenken im Sinne des „nie wieder“ der Menschheit mit sich brachte, die es überhaupt erst als Notwendigkeit erkennbar machte, grundlegende Rechtsnormen auf internationaler Ebene zu kreieren und allen Menschen allgemeingültige, universelle und globale Menschenrechte einzugestehen.

1944 (vor 70 Jahren):
Der Untergang der Naziherrschaft wird am 6. Juni mit der Landung der Alliierten in der Normandie eingeläutet. Von nun an beginnt eine neue Ära, die nicht nur zum Ende des zweiten Weltkrieges führt sondern im Folgenden auch eine stetig sich weiterentwickelnde Einigung Europas nach sich zieht, die bis zum heutigen Tage anhält – trotz späterer Höhen und Tiefen.

1949 (vor 65 Jahren):
Die beiden deutschen Verfassungen, die am 23. Mai und am 7. Oktober in Kraft treten, zementieren die Lage in Europa für die nächsten vier Jahrzehnte und sichern nicht nur de facto einen Scheinfrieden sondern auch eine andauernde Bedrohungssituation inmitten des geteilten Europas respektive der geteilten Welt. Die Hoffnung der Menschen auf ein geeintes Europa wird erst dann wieder vollends zurückkehren, wenn der Lauf der Geschichte dieses schon längst ermöglicht hat.

1954 (vor 60 Jahren):
Die am 23. Oktober unterzeichneten Pariser Verträge verleihen der Bundesrepublik Deutschland unter gewissen Vorbehalten die volle Souveränität und binden diese in die europäische Westunion ein. Damit wird ein wesentlicher Grundstein für die späteren Vertragswerke geschaffen, die dann die verschiedensten Ausgestaltungen der Europäischen Gemeinschaft und der darauffolgenden Europäischen Union beinhalteten.

1989 (vor 25 Jahren):
„Solange das Brandenburger Tor geschlossen ist, ist die Deutsche Frage offen“, hatte Richard von Weizsäcker noch einige Jahre zuvor gesagt. Dann geschah am 9. November das, was einerseits keiner erwartet hatte und so recht auch keiner in vollem Umfang zugleich begriff. Durch einen ungewollt performativen (Ver-)Sprechakt Günter Schabowskis, „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“, öffnet sich der eiserne Vorhang auch in Deutschland und die Berliner Mauer ist löchrig geworden – den Rest erledigen die Menschen auf der Straße. Auch wenn streng genommen de jure erst zwei Jahre später mit Inkraftreten des Zwei-plus-Vier-Vertrags, dem ersten von allen Beteiligten unterzeichneten Vertragswerks nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, der Zweite Weltkrieg auch auf dem Papier endet und die deutsche Einheit ebenfalls erst mit Inkraftreten des Einigungsvertrages ein Jahr später vollzogen ist, sind aus der Rückperspektive und unter Einbeziehung der normativen Kraft des Faktischen seit diesem „historischen Tag“, wie er in den Tagesthemen genannt wurde, die beiden deutschen Teilstaaten wieder vereint.

2009 (vor 5 Jahren):
Trozt einiger Ratifizierungshindernisse tritt am 1. Dezember der Vertrag von Lissabon in Kraft, der als Quasi-Verfassung der Europäischen Union die heutige Gestalt verleiht und vorläufiger Endpunkt eines langen Prozesses der europäischen Einigung ist.

2014 (heute):
Erneut stehen sich amerikanische und russische Kampfeinheiten in Blickweite gegenüber und in der Krise der Ukraine werden immer wieder Deeskalationschancen nicht ergriffen, was zu einer anhaltenden Verschärfung der Situation beiträgt. Appeasement wird betrieben, darf aber aufgrund falsch verstandener Political Correctness nicht so genannt werden, ebenso verbieten sich Vergleiche zum kalten Krieg und dennoch sprechen erste polemische Stimmungen von einem Dritten Weltkrieg, der angeblich in Sichtweite sei. Der Ausgang aus dieser angespannten Lage ist zum derzeitigen Zeitpunkt noch völlig ungewiss, jedoch sei nur darauf hingewiesen, dass auch heuer die Jahreszahl mit einer Vier endet.

Doch um meine Leser nicht mit dunklen Vorahnungen aus diesem Beitrag zu entlassen, komme ich noch einmal auf die titelgebende Volksweisheit zurück, um eventuell bei dem ein oder anderen einen gewissen Aha-Effekt auszulösen: Die dem Titel zugrundeliegende Sprichwortkombination aus „Bier auf Wein – das lass sein“ und „Wein auf Bier – das rat‘ ich dir“ hat nichts mit der Trinkreihenfolge zu tun, was ich aufgrund verschiedenster Selbstexperimente durchaus bestätigen kann, da sich der darauffolgende Kater in nichts unterscheidet, ganz gleich in welcher Reihenfolge man beide Getränke miteinander kombiniert. Vielmehr ist es eine Metapher für den sozialen Auf- beziehungsweise Abstieg eines Menschen und geht zurück auf eine Zeit, in der das gewöhnliche Volk sich lediglich Bier leisten konnte und der Genuss von Wein den besser Gestellten vorbehalten war. Somit beschreibt „Bier auf Wein“ einen sozialen Abstieg, wohingegen die Abfolge „Wein auf Bier“ auf einen sozialen Aufstieg verweist. Klingt komisch – is‘ aber so.

Natürlich, eine gewöhnliche Leseempfehlung

Quelle: flicker; CC: custer_flux„Good afternoon, Ladies and Gentlemen. First: The probable cause of AIDS has been found. A variant of a known human cancer virus. Second: Not only has the agent been identified, but a new process has been developed to mass produce this virus. Thirdly: With discovery of both the virus and this new process, we now have a blood test for AIDS. With the blood test we can identify AIDS victims with essentially 100 percent certainty.”

Was heute aussieht wie ein halbwegs gewöhnlicher Text einer Pressekonferenz einer US-amerikanischen Gesundheitsministerin, hatte vor heute genau 30 Jahren eine ganz andere Wirkung. Auch wenn der Humane Immundefizienz-Virus erst circa zwei Jahre später seinen heutigen Namen erhielt, so ist der 23. April 1984 jedoch sein faktischer „Geburtstag“. Denn nun hatte man die Ursache für diese ominöse Krankheit gefunden, die seit einigen Jahren eine Vielzahl meist homosexueller Männer hinwegraffte. Die Ursache des Verendens war gefunden und wurde zur Ursache der Verfolgens: dem Sterben folgte das Stigma.

Ob die nicht geringe Zahl an Dissidenten mit der Behauptung richtig liegt, dass auf dieser Pressekonferenz der Grundstein für den größten Medizinskandal aller Zeiten gelegt wurde, sei einmal dahingestellt – würden sich ihre Thesen bewahrheiten wäre dem allemal so. Was man allerdings mit Sicherheit sagen kann: Es war der Startschuss für die größte Skandalisierung aller Zeiten in der Medizin.

Erst wurde getestet, dann geurteilt und schließlich gegrübelt – darüber, wie man dieser „Schwulenpest“ Herr werden konnte. Wir, die wir mittlerweile daran gewöhnt sind, dass alle Jahre wieder, meist im Frühjahr, irgendeine neue Seuche oder epidemische Bedrohung (heißt sie nun EHEC, SARS, BSE oder sonstwie) als Sau durch das mediale Dorf getrieben wird, können uns kaum vorstellen, welche ein Bedrohungsszenario damals aufgebaut wurde.

Die Boulevardzeitungen meldeten in großen Lettern, dass in Hamburg ein AIDS-Kranker im Bus gefahren sei und Schlagzeilen wie „München: Todesvirus im Vormarsch“, „Bonn will AIDS-Kranken Sex verbieten“ oder „Alle Deutschen zum Zwangstest“ dominierten die Titelblätter. Auch politisch begann eine Hexenjagd, die nicht nur auf die Betroffenen selbst, sondern auch auf ganze Bevölkerungsteile ausgeweitet wurden. Die noch in den Kinderschuhen steckende Schwulenbewegung war von jetzt auf gleich um Jahre zurückgeworfen.

Die skurrilsten Ideen geisterten durch die politischen Debatten, von denen man eigentlich seit der NS-Zeit hätte wissen müssen, dass es keine adäquaten Mittel sind: Namentliche Erfassung, „Rosa Listen“, Zwangstätowierung, Quarantänemaßnahmen, Pflichttestungen und vieles andere mehr – der Unionspolitiker Peter Gauweiler polemisierte allen voran. Doch Gottlob scheiterten solche Vorstöße nicht allein daran, dass in Deutschlands Schwulenhochburg Köln, die ehemalige Leprakolonie Melaten inzwischen mitten in der Stadt lag und zudem seit fast 200 Jahren zum Friedhof umfunktioniert war, sondern insbesondere durch liberalere Stimmen in der Politik – unter anderem der von Rita Süssmuth, ebenfalls Union, deren weitsichtige Politik man heute oftmals unterschätzt.

Doch soll dies jetzt kein Betroffenheitsblog werden – denn ich wäre nicht ich, würde ich diesen Jahrestag nicht dazu nutzen, auf ein gutes Buch aufmerksam zu machen, welches ich im vergangenen Jahr erst gelesen habe: Wie Jakob die Zeit verlor von Jan Stressenreuter.

Eingekleidet in eine typisch-schwule Liebesgeschichte – denn die meisten schwulen Liebesromane haben entweder HIV oder das Coming-Out zum Thema – entfaltet Stressenreuter ein wunderbares Gefühl für das damals vorherrschende Klima. Er schafft es mit ähnlich subtilen Mitteln (wenn auch nicht so genial) wie Tony Kushner in Angels in America das Private, das Politische und den Zeitgeist so miteinander zu verflechten, dass es erlebbar wird und unter die Haut geht, und was Wolfgang Ehmer in Anderer Welten Kind für Nachkriegsdeutschland vermochte, vermag Stressenreuter für die 80er-Jahre: Er verlegt nicht nur einen Teil seiner Handlung in diese Zeit, sondern malt gleichsam ein Bild von ihr.

Selbst mir, der sich für diese Thematik schon immer sehr interessiert hat, erschlossen sich ganz neue Blickwinkel auf eine Zeit, die ich Dank der Gnade der späten Geburt nicht mehr miterleben musste. Ich war beim Lesen die meiste Zeit ebenso ergriffen wie als ich das erste Mal die Razzia-Szene im Film Stonewall sah.

Allerdings muss ich einschränkend hinzufügen, dass das Identifikationspotenzial in beiden Fällen natürlich durch das eigene So-Sein noch verstärkt wird, jedoch kann ich die Lektüre gerade denjenigen nur empfehlen, welche im Bannkreis immer wiederkehrender, vermeintlicher Heilsmeldungen und possierlichen Aufklärungskampagnen mit Kondom-Schmetterlingen und –Bärchen aufgewachsen sind.

Auch wenn der Roman nicht in allen Teilen das ersehnte gute Ende mit sich bringt, so hinterlässt er doch auf gewisse Weise nach Beendigung der Lektüre eine gute Portion Gelassenheit. Man gewinnt Distanz zu überhitzen Gesundheitsdebatten, bei denen sich meistens nichts so epidemisch ausbreitet wie die Skandalmeldungen selbst – ungeachtet der zugrunde liegenden Fakten.

Darüber hinaus macht er insofern Mut, als dass man natürlich aus heutiger Sicht weiß, dass sich vieles zum Guten gewendet hat – nicht nur in der Sache selbst, sondern auch hinsichtlich des Umgangs, was nicht nur der Tatsache geschuldet ist, dass wir Positiven von heute nicht alle so aussehen wie Tom Hanks in der Schlussszene von Philadelphia.

Doch bevor ich mich nun gänzlich in der Intermedialität und der Bezugnahme auf weiter Werke verfange, schließe ich doch lieber mit einem Zitat, welches eben diesen Mut zum Ausdruck bringt und welches das schon so oft invozierte Angels in America beschließt:

This disease will be the end of many of us, but not nearly all, and the dead will be commemorated and will struggle on with the living, and we are not going away. We won’t die secret deaths anymore. The world only spins forward. We will be citizens. The time has come.
Bye now.
You are fabulous creatures, each and every one.
And I bless you: More life.
The Great Work Begins.

END OF PLAY

P.S.: Da man sich eh nicht sicher ist, wann genau William Shakespeare geboren wurde, kann der Jubiläumspost auch noch etwas warten. Somit endet dieser Beitrag nicht mit den Worten: The rest is silence.

Berlin vs. Karlsruhe

Quelle: flickr; CC: Mehr Demokratie e.V.Nach längerer Pause, wird es mal wieder Zeit, den Blog zu reaktivieren. Den Gedanken hatte ich schon eine Weile und dankenswerter ergibt sich auch ein aktueller Aufreger, mit dem ich gut in eine neue Runde starten kann. Denn diese Woche stolperte ich im aktuellen Spiegel über eine Meldung, die mir schier den Atem raubte. Dort wird berichtet, dass es in einigen Kreisen der Union momentan Überlegungen gibt, den Einfluss des Bundesverfassungsgerichtes zu beschneiden.

Man wolle etwa die Amtszeit von 12 Jahren in Frage stellen sowie in Zukunft bei der Auswahl der Richter genauer hinsehen. Zudem soll auch der Zuschnitt der Zuständigkeit einer Überprüfung unterzogen werden. Als Grund hierfür heißt es, dass Karlsruhe “eine Liberalisierung der Gesellschaft vorantreibe und dabei die eigenen Zuständigkeiten überschreite” – man “mache Gesellschaftspolitik”. Konkret nehmen die Beteiligten vor allem Anstoß an der Aufhebung der 3%-Hürde für die Europawahl, sowie den Entscheidungen zur Lebenspartnerschaft hinsichtlich Ehegattensplitting und Adoptionsrecht. Ein Richter steht dabei besonders in der Kritik, was insofern stört, als dass man ihn bei der Wahl seinerzeit selbst unterstützte und somit wird Richter Peter Huber vorgehalten, er “tue so, als hätte er nie etwas mit der Union zu tun gehabt.”

Bei solch einer putinesken Berlusconifizierung der deutschen Verfassungsjustiz, kann einem nur noch speiübel werden. In meiner kleinen, bescheidenen Weltsicht, bin ich froh um jeden Richter, der sein Fähnchen nicht in den Wind dessen hängt, der ihn den Fahnenmast hinaufgezogen hat. Insbesondere muss dies für Verfassungsrichter gelten, denn nicht umsonst definiert das Bundesverfassungsgerichtsgesetz in Paragraph 1, Absatz 1: „Das Bundesverfassungsgericht ist ein allen übrigen Verfassungsorganen gegenüber selbständiger und unabhängiger Gerichtshof des Bundes.“

Auch der Amtseid in Paragraph 11, Absatz 1 kennt keine Kopplung an Parteiinteressen: „Ich schwöre, daß ich als gerechter Richter allezeit das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland getreulich wahren und meine richterlichen Pflichten gegenüber jedermann gewissenhaft erfüllen werde. So wahr mir Gott helfe.“

Andersrum würde da schon eher ein Schuh draus. Denn an sich könnten die Richter in Karlsruhe, sofern es hierfür ein erforderliches Initiationsrecht gäbe, sämtliche Beschlüsse des Bundestages in Frage stellen. Denn allzu oft verstößt man in Berlin gegen das Grundgesetz, genauer gegen Artikel 38, Absatz 1, Satz 2, in dem es heißt: „[Die Abgeordneten] sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.“

Gerade im Falle der kritisierten Liberalisierung bezüglich gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften hat sich gezeigt, dass unter Vorschiebung verschiedenster Ausreden viele Abgeordnete, die außerhalb des Parlament in Talkshows und auf Veranstaltungen sich eindeutig für eine Gleichstellung stark gemacht haben, im Bundestag dennoch gegen entsprechende Anträge gestimmt haben. Seit Jahren gab und gibt es eine breite individuelle Mehrheit im Deutschen Bundestag für eine wie auch immer geartete Gleichstellung, die durch die Kollektivmotivation von Parteien und Koalitionen konterkariert wird. Vom Gewissen des Einzelnen ist hier keine Spur – und dies gilt auch auf vielen anderen Feldern der Politik.

Wann immer ich in den zweieinhalb Jahren, die ich in Berlin gelebt habe, am Reichtagsgebäude vorbei gekommen bin, nie hat dort über dem Portal gestanden „Den deutschen Parteien“. Dennoch hatte ich oft genug genau diesen Eindruck, wenn ich Debatten und Abstimmungen gefolgt habe.

Vor wenigen Tagen erst habe ich mit Begeisterung meine Lektüre von Roger Willemsens neuen Buch „Das Hohe Haus“ beendet. Ein ganzes Jahr lang hat er jede Debatte im Bundestag verfolgt und beschreibt akribisch, wie es im deutschen Parlament zugeht. Ich kann dieses Buch nur jedem politisch Interessierten empfehlen, obschon ich damit die dringliche Warnung verbinden möchte, dass es durchaus geeignet ist, latent vorhandene Politik(er)verdrossenheit zu verstärken. Denn zeitweise hat man beim Lesen den Eindruck, dass es ein größeres Theater selbst in der Kunst nicht gibt und oftmals erscheinen hochrangige Politakteure wie Fingerpuppen einer sich selbst rechtfertigenden Komödie – dabei sind es ironischerweise die Verfassungsrichter in Karlsruhe, deren Roben aus Entwürfen eines Kostümbildners des Theaters entsprungen sind.

Gekonnt lässt Willemsen Bilder vor unserem Auge entstehen: von Regierungsmitgliedern, die falls anwesend und wenn angesprochen und kritisiert, den Redner keiner Aufmerksamkeit würdigen und diese ganz ihren Handtaschen, Smartphones oder Tablets schenken; von Heerscharen von Claqueuren, deren Applaus nicht dem Inhalt einer Aussage gilt sondern lediglich der Parteizugehörigkeit des sie Artikulierenden; von Sprachverenkungen, die so mit Phrasen überfüllt sind, dass sie im semantischen Nihilismus entschwinden; von Scheindebatten, die ein Ringen um das Richtige lediglich simulieren, da doch alle Anwesenden wissen, dass längst feststeht, zu welchem Ergebnis man kommt.

Allzuoft fragt man sich, ob nicht die Würde dieses Hohen Hauses nicht ebenso der Sphäre des Konjunktivs angehört wie das homophone Hilfsverb. Denn leider wird die Eigenständigkeit dieses Verfassungsorgans oftmals nur suggeriert und entgegen dem Auftrag die Exekutive zu kontrollieren und in ihre Schranken zu verweisen, erweist sich der Bundestag nur als verlängerter Arm der Regierung, was Willemsen in der genialen Frage zum Ausdruck bringt: „Ist dies nicht auch das Leichenschauhaus der parlamentarischen Idee?“

Der Parlamentarismus ist entstanden als die Idee, den Herrschenden, ein Regulativ des Volkes entgegen zu setzen und wurde durch die Jahrhunderte mit Blut und Leben bezahlt. Nicht nur in der Zeit seiner Entstehung etwa in den europäischen und der amerikanischen Revolution, sondern über die dunkelste Epoche der deutschen Geschichte bin hinein in die Gegenwart, wenn man über den nationalen Tellerrand hinwegsieht.

Daher sollte man es umso mehr zu schätzen wissen, dass wenigstens partielle Gewaltenteilung noch möglich ist und sich grosso modo die Judikative noch als unabhängige Instanz versteht, wenn schon die Legislative vor dem Kabinett buckelt. Vor allem gilt dies, wenn man den Rahmen ein wenig weitet und in Betracht zieht, dass auf transnationaler Ebene diese beiden Bereiche vollends amalgamieren – denn nationale Exekutive ist leider auf europäischer Ebene mit Legislativgewalt in Personalunion, weshalb auch gerne mal Entscheidungen, die man in Berlin nicht durchzubringen vermag, nach Brüssel geschoben werden und von dort dann mittels Vorgaben mit der nötigen Durchschlagskraft die nationalen Bühne wieder betreten.

So schließe ich mit einer Abwandlung zweier Kernsätze von Verfassungsgerichtsentscheidungen, die meines Erachtens das von mir Bemängelte recht gut zusammenfassen:

Solange die Kontrollfunktion des Parlaments gegenüber der Regierung nicht so weit ausgeprägt ist, dass dem im Grundgesetz vorgesehenen Auftrag an den Bundestag adäquat ist, ist ein regulierendes Einschreiten durch das Bundesverfassungsgericht zulässig und geboten, wenn das Gericht die getroffenen Regelungen für unanwendbar hält, weil und soweit sie mit der Verfassung kollidieren.

Solange der deutsche Bundestag seine verfassungsimmanente Verpflichtung dem deutschen Volke gegenüber entgegen der Hoheitsgewalt der Exekutive generell gewährleistet, muss das Bundesverfassungsgericht seine judikative Gewalt nicht ausüben.

Denn andernfalls, um es in den Worten eines „aufstrebenden Politikmoderators“ zu sagen, bleibt das Verfassungsgericht nur vor die Wahl gestellt: Blamieren oder Kassieren.

Man sollte Maggie Thatcher dankbar sein…

Quelle: WikipediaNatürlich wird sich jetzt der ein oder andere wundern, dass ich dies von mir gebe. Denn schließlich hat die Eiserne Lady aus heutiger Sicht nicht sonderlich viel Gutes vollbracht, wenn man einmal von einer Besserung der ökonomischen Ausgangslage Großbritanniens durch massive Reformmaßnahmen absieht. Wobei einschränkend hierzu zu sagen sei, dass diese Umstrukturierung auch für die Briten nicht nur Erfreuliches mit sich brachte.

Zudem hat sie damals gemeinsam mit ihrem Freund Ronald Reagan, durch eine Stärkung des Finanzsektors und die damit einhergehende Deregulierung der Märkte, ein mächtiges Fundament geschaffen, auf dem die Auswüchse der Folgejahre, die letztlich zur aktuellen (bzw. seit Jahren herrschenden) Krise führte, erst so richtig wachsen konnten. Auch wenn man seinerzeit einen etwas anderen Blick auf die Sachlage hatte, so war nicht der HI-Virus die größte Bedrohung, die sich in den 80ern ausbreitete, sondern die Epidemie des neoliberalen Geistes, für den sie gerne bei jeder Gelegenheit die Propagandaministerin mimte. Denn einerseits hat man heute gegen ersteren recht gut wirksame Mittel gefunden, wohingegen gegen letztere noch keine Lösung in Sicht ist. Andererseits wage ich einfach einmal zu behaupten, dass an diesem mehr Menschen gestorben sein dürften als an jenem – auch wenn dies in unserer durchkapitalisierten Welt viele nicht sehen möchten und es somit auch keine statistischen Erhebungen gibt, die diese (zugegebenermaßen steile) These belegen könnten.

Noch heute beruft man sich indirekt auf ihr Lebenswerk, wenn man im Zuge der Diskussion um Transaktionssteuern oder Regelungen der Finanzwelt, darauf verweist, dass es sowieso keinen Sinne habe, solange der mächtige Finanzplatz London nicht mit im Boot sitze. Denn es waren ja gerade Ronald McDonald und Maggie the Cat, die die anglo-amerikanische Finanzhegemonie (um nicht zu sagen –diktatur) geschaffen haben, so dass man heute selbst im Geburtsland des rheinischen Kapitalismus wieder bei Null anfangen muss, wenn man den Menschen klar machen will, dass ein freier, zügelloser Markt nicht immer die sinnvollste Idee ist.

In diesem Zusammenhang sei darauf aufmerksam gemacht, dass man ihr natürlich auch nicht dankbar dafür sein sollte, dass sie damals in besonderem Maße dafür gesorgt hat, dass Großbritannien zwar ein starker Regelmacher innerhalb Europas ist, jedoch als Spieler in vielerlei Hinsicht (bis heute) einen Sonderstatus genießt. So sind die Briten im Vorteilsfalle immer Europäer, wohingegen man sich bei Widrigkeiten gerne als Erbe einer isolationistischen Tradition versteht, die über Jahrhunderte eine sichere Distanz zwischen Insel und Kontinent wahrte.

Auch aus deutscher Sicht, ist es nicht unbedingt dankenswert, dass sie nach dem Fall ihres Namensvetters Vorhang enormen Widerstand geübt hat, gegen die Deutsche Wiedervereinigung. Hätte sie damals Erfolg gehabt mit ihren Vorbehalten, so wäre die Deutsche Frage noch immer unbeantwortet und ein vereintes Europa nach heutiger Ausprägung dürfte wohl nicht entstanden sein.

Ebensowenig ist man ihr als Schwuler zum Dank verpflichtet, da unter ihrer Regentschaft jenseits des Kanals sogar durchgesetzt wurde, dass es nicht Bestandteil öffentlicher Schulbildung sei, über Homosexualität im Unterricht aufzuklären.

Desweiteren war der Falklandkrieg auch nicht gerade das Gelbe vom Ei, wobei wir uns hierbei dem ersten Punkt nähern, warum man ihr denn danken sollte. Denn obwohl dies zu Beginn der Vorbereitung zum Event noch keiner ahnen konnte, hatte die Zuspitzung der politischen Lage bezüglich der Falklandinseln in den vorangegangenen Tagen laut Aussage der damals Beteiligten  keinen unerheblichen Einfluss darauf, dass Nicole 1982 erstmalig für Deutschland den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson gewann. Danke Maggie!

Ein bischen Frieden will ich auch insofern mit ihr schließen, als dass sie Vorlage eines Stoffes war, der einmal mehr Meryl Streep die Gelegenheit bot, ihre ganze schauspielerische Kunst auszuleben, und dieser somit zu dem überaus berechtigten und lange überfälligen, dritten Oskar führte. Auch hierfür meinen herzlichen Dank.

Nicht zuletzt dient sie auch heute noch dankenswerterweise als Reibungsfläche im politischen Diskurs und Antipol der Kapitalismuskritik, was insofern etwas Gutes ist, dass ich schon immer der Meinung war, dass man sämtliche Extrema kennen muss, um zu einem konstruktiven Ergebnis zu finden. Denn nur wer weiß, wie breit der Weg vor einem ist, kann geruhsam in der Mitte wandern. Die Lösung hatten weder Marx noch Maggie, doch wir können sicher sein, dass der richtige Weg irgendwo dazwischen liegt.

Möge der günstigste Bestatter ihr die letzte Ehre erweisen, denn das wäre ökonomisch-politisch ganz in ihrem Sinne.

Concrete Memories

Manchmal stellt sich heraus, dass Tierarten, die man lange für ausgestorben hielt, sich doch als noch existent erweisen. Das aktuellste Beispiel hierfür ist der Mauerspecht, galt er doch seit etwa zwanzig Jahren als verschwunden. Man konnte in den letzten Wochen nicht nur Exemplare davon in Berlin aufspühren, es zeigte sich überdies, dass die heute lebenden sogar im Vergleich zu den Artgenossen der Vergangenheit mutiert zu sein scheinen.

Obschon man natürlich einwenden kann, dass der ganze Aufruhr sich ja nur um ein blödes Stück Betonmauer handele, von dem man sich über Jahrzehnte nicht schnell genug verabschieden wollte, so liegt doch der Billigung des nun stattfindenden Eingriffs in die East Side Gallery ein fundamental falscher Denkansatz zugrunde. Bevor ich jedoch nun etwas weiter aushole, um zu erläutern, was genau ich damit meine, widme ich mich kurz dem offensichtlichsten Paradox dieser Operation.

Wer einmal an der betreffenden Stelle in Berlin war, weiß, dass das direkte Gebiet um die East Side Gallery nicht unbedingt zu den allerattraktivsten Plätzen Berlins gehört. Am Wasser kann man schließlich auch anderswo sein, ohne eine in regelmäßigen Abständen lärmende Arena um die Ecke. Der Ort gewinnt quasi erst durch das letzte verbliebe Stück Mauer, dass zudem bisher immer als ein Aushängeschild der Stadt galt, da es die größte ständige Open-Air-Ausstellung der Welt ist, seinen ganz eigenen Charme. Ganz nebenbei handelt es sich hierbei um ein Gemeinschaftskunstwerk internationaler Künstler. Wahrscheinlich war dies auch ein nicht unerheblicher Grund für die Investitionsentscheidung an diesem Standort. Doch was habe ich als Anleger davon, wenn ich meine Gebäude direkt neben der East Side Gallery errichte, diese jedoch durch den Bau zerstöre? Hier folgt man einer Logik, die mich an einen Witz erinnert, den Quentin Crisp in der Dokumentation „The Celluloid Closet“ im Rahmen eines Interviews erzählt, der sinngemäß lautet: ‚Ich mag keine Bohnen und das ist gut so. Denn würde ich sie mögen, würde ich sie ja essen. Ich möchte sie jedoch nicht essen, da ich Bohnen nun mal nicht mag.“

Jenseits dieses offenkundigen Unsinns, gibt es jedoch eine tiefer liegende Betrachtungsweise auf das in Berlin vor sich gehende. Denn entgegen einer der beiden Lesarten des nicht adäquat ins Deutsche zu übertragenden Titel dieses Beitrags geht es mir nicht um eine Erinnerung aus Beton, sondern vielmehr um eine persönliche Erfahrung, die ich in Bezug auf Denkmäler gemacht habe, die ich gerne als „konkrete Erinnerung“ bezeichnen möchte.

Die Auffassungsgabe des Menschen ist begrenzt und allzu oft sieht man sich dem Problem gegenüber, dass man gewisse Sachverhalte zwar rational versteht, sie jedoch schlecht greifen kann. Man hat zwar eine Vorstellung, jedoch magelt es an der Fähigkeit es zu Begreifen, es zu fühlen, das Abstrakte in die konkrete Wahrnehmung zu übertragen.

Um den Kernpunkt dessen klarzumachen, möchte ich auf eine kleine Anekdote aus meiner Familie zurückgreifen, die meine Mutter mir in Kindertagen erzählt hat: Ihr Onkel wurde seinerzeit von seinen Kindern gefragt, wieviel denn eine Million sei. Er erklärte es ihnen auf die Weise, dass er ihnen sagte, wenn sie eine Million D-Mark abzählen wollten und es ihnen gelänge pro Sekunde ein D-Mark-Stück zu zählen, was natürlich bei späteren Zahlen wie einhundertsechsundzwanzigtausensiebenhundertdreiundvierzig nicht mehr möglich ist, und sie außerdem während des Vorgangs diesen nicht durch Essen, Schlafen oder sonstige Alltäglichkeiten unterbrechen würden, sie etwa elfeinhalb Tage beschäftigt seien. Ganz nebenbei wäre dies vielleicht auch eine hilfreiche Lernerfahrung in anderen aktuellen Diskussionen. Denn müssten Topmanager ihre Gehälter und Bonizahlungen ein einziges Mal per Hand nachzählen, würde manch einen wohl schnell die Einsicht überkommen, dass weniger auch noch ausreichend genug wäre. Gleiches gilt für Etatverhandlungen in der Politik – wobei mir bewusst ist, dass ich hierbei unfreiwilligerweise eine der Glanzreden von Franz-Joseph-Strauß in Erinnerung rufe, in der er einen Betrag anhand von Hundertmarkscheinen in Relation zur Höhe des Kölner Doms beziehungsweise zum Fassungsvermögen von Zügen setzte.

Es geht also darum, ein nacktes, abstraktes und demnach nicht fassbares Faktum in etwas Nachvollziehbares zu transformieren, was einen stärkeren Bezug zur das eigene Ich umgebenden Realität aufweist. Dies kann einerseits dadurch erreicht werden, dass man etwas entweder realiter oder bildlich wahrnimmt, oder aber dadurch, dass man es mit einer emotionalen Erfahrung verknüpft – oder beides. Es wird wohl deutlicher, wenn ich einige Beispiele hierfür aufführe.

Das Stelenfeld in Berlin zum Gedenken an die der Shoa zum Opfer gefallenen Juden ist ein schönes Beispiel für ein emotional erlebbares Denkmal. So sehr dieses Mahnmal auch oft als reine Fotokulisse oder als spielerisch anmutender Irrgarten wahrgenommen wird, so kann man darin auch zwei andere Eindrücke gewinnen, sofern man aufmerksam hindurchschreitet, die erhellende Einsichten in diesen dunklen Schatten der deutschen Geschichte ermöglichen.

Zum einen findet man hier auf subtile Weise eine Antwort auf die Frage, wie es zu dieser Katastrophe hat kommen können. Denn auch wenn es von außen betrachtet so scheint, als seien die Blöcke mehr oder weniger auf der gleichen Höhe ausgerichtet, bietet sich einem beim Betreten ein ganz anderes Bild. Ohne, dass man es auf Anhieb wahrnimmt, variiert der Untergrund sehr stark. Man geht hinein und langsam wachsen die schwarzen Monumente um einen herum, da man selber einiges an Höhe durch den uneben gestalteten Boden verliert. Besonders in den Wintermonaten, wenn der Boden vereist oder verschneit ist, wird einem erst so wirklich bewusst, wie steil die einzelnen Abschnitte teilweise hinuntergehen. Man erlebt also auf eine gewisse Weise wie es ist, wenn sich die Realität um einen herum langsam verändert und man erst zu spät erkennt, wie schnell sie sich verändert hat. Man begreift also, warum es möglich war, dass viele Menschen (sowohl Deutsche als auch Juden) lange Zeit dem Glauben anheimfielen, dass das mit den Nazis schon so schlimm nicht sei. Denn was eben noch nur bis zum Knie reichte überragt einen wenige Schritte später schon um ein beträchtliches Maß. Zum anderen stellt sich im Moment in dem man sich inmitten der Stelen befindet ein beklemmendes Gefühl einer Hilflosigkeit ein. Man kommt sich plötzlich klein vor neben diesen vorher doch recht normalen Steinen, die monströs mutiert zu sein scheinen. Aus dem eben noch auf Augenhöhe befindlichen Nachbarn ist ein übergroßes, einengendes, bedrohliches Etwas geworden.

Auch die auf der anderen Seite im Tiergarten stehende Stele für die verfolgten Homosexuellen hat alleine schon durch Form und Lage einen ähnlichen Effekt, denn man fragt sich unweigerlich, warum sie dort fernab des eigentlichen Mahnmals steht und wird sich bewusst, dass es hier um eine „schräge“ Opfergruppe geht, die eben lange Zeit nicht Gegenstand des Gedenkens war – es sind die Opfer unter ferner liefen, denen man über Jahrzehnte nur den Status „und andere“ zugestand.

Ein Beispiel für eine wirklich „konkrete Erinnerung“ durfte ich schon in meiner frühen Jugendzeit erleben, als wir im Rahmen des Frankreichaustauschs Verdun besichtigten. Erst dieses weite Feld aneinander gereihter, weißer Kreuze machte aus der schieren Opferzahl etwas Anschauliches und wenn man die zerfurchte und noch heute gezeichnete Landschaft darum überblickte, bekam man ein Gespühr dafür, was ein Schützengraben denn gewesen ist. Bis dato war es ein einfaches Kompositum aus zwei mir bekannten Wörtern, dem „Schützen“ und dem „(Straßen-)Graben“, wodurch ich mir unter einem „Schützengraben“ eben lediglich einen „Graben für Schützen“ vorstellte. Hier war ich jedoch nun genötigt dieses mentale Konstrukt zu korrigieren und durch etwas Neues, bisher in dieser Form nicht Vorstellbares, zu ersetzen.

Die wohl prägendste Erinnerung dieser Art kam für mich jedoch noch ein paar Jahre später, als ich einen Ort besuchte, von dem ich denke, dass jeder junge Deutsche ihn einmal aufsuchen sollte: Auschwitz.

Als sei es gestern gewesen, kann ich mich noch heute daran erinnern als ich dieses extrem laute Klick in meinem Kopf wahrgenommen habe. Ein existentieller Groschen ist damals gefallen, der mich in einem Maße bewegt hat, wie ich es danach nie wieder erlebt habe. Es war einer der wenigen Momente meines Lebens, in dem ich mir selber beim Denken zuschauen konnte, als mir der folgende Gedanke durch den Kopf schoß: „Früher war es nicht Schwarz-Weiß!“

Natürlich war mir rein rational auch vorher bewusst, dass früher nicht alles Schwarz-Weiß war, jedoch brauchte es dieses Erlebnis, um mir dies wirklich bewusst zu machen. Seinerzeit kannte man die Bilder, Filme und Materialien zu dieser Zeit nur in verschiedenen Grautönen, was unweigerlich und unbewusst eine gewisse innere Distanz zu den Geschehnissen erzeugte. Es rückte die Eereignisse in eine gewisse Ferne, ähnlich einem Film, den man nicht als etwas Reales wahrnimmt, sondern um dessen Fiktionalität weiß, und er somit keinen direkten Zugriff auf dieses Gefühl des eigenen Erlebens hat. Doch hier kam ich nicht umhin mich der Wahrheit zu stellen: Die Gefangenen, die sich in den meisten Fällen ihrem Schicksal bewusst waren, sind seinerzeit unter demselben blauen Himmel über die ebenso grüne Wiese auf die damals schon rot leuchtenden Backsteinbauten zugegangen. Als ich das Zwitschern der Vögel vernahm, wurden meine Augen wässrig.

Schon jetzt mit dieser Erkenntnis an die Grenzen des an einem Tag verdaubaren geführt, betraten wir nun die Gebäude und alles danach Gesehene brannte sich in mein Gehirn ein: Die Berge von Schuhen, Brillen, Koffern teils mit Namen versehen, das Zahngold und all die anderen Dinge, die dort haufenweise übereinander geschüttet lagen. Ab diesem Punkt bekam das mir wohlbekannte Bild der Leichenstapel in meinem Geschichtsbuch eine komplett andere Dimension. Auf einer ganz persönlichen Ebene berührte mich diese Erfahrung dann in dem nächsten Raum. Dort war in einer Glasvitrine eine Sträflingsuniform mit einem rosa Winkel ausgestellt. Ich kannte diese Kennzeichnung, hatte ich sie doch zuvor, da ich mich damals mitten im Coming-Out befand, mit einem gewissen – in diesem Moment als falsch konnotierten – Stolz, oft genug in mein Hausaufgabenbuch gemalt. Doch was ich dort vor mir sah war nicht der „gestreifte Pyjama“ (um einen späteren Filmtitel zu zitieren), dort vor mir befand sich „meine Uniform“. Das einzig mir zugestandene, legitime Kleidungsstück, dass mir die Nazis seinerzeit verpasst hätten.

Jetzt war kein Halten mehr und ich schluchzte leise vor mich hin. Ich kam mir vor wie Atreju aus der unendlichen Geschichte in dem Moment, in dem er durch das Ausrufen des Namens der kindlichen Kaiserin merkt, dass er Teil der Geschichte ist. Auch wenn ich einige Jahre zuvor mit großer Faszination „Sofies Welt“ gelesen hatte, begriff ich erst in diesem Moment das Ende dieses Romans. Es war diese unmittelbare Erfahrung, die mir zeigte, dass ich mich, wenn auch in einer anderen Zeit, so doch in derselben Realität befand.

Auch wenn ich nach dieser Erfahrung selbst die allbekannten Schwarzweiß-Dokumentationen mit anderen Augen sehe, so ertappe ich mich noch heute dabei, dass mich colorierte Originalaufnahmen irgendwie direkter berühren. Ebenso nehme ich mir einen Roman oder Film alleine durch den kleinen Verweis „auf Basis realer Begebenheiten“ näher zu Herzen. So finde ich es einen genialen, meisterhaft gelungenen Kunstgriff von Steven Spielberg, den an sich schon sehr emotionalen Film „Schindlers Liste“ durch die Farbgebung der Kerzen sowie des Mantels des kleinen Mädchens und das Einbeziehen der Nachfahren am Ende noch um ein Vielfaches ausdrucksstärker zu machen.

Doch zurück zur East Side Gallery. Dieses letzte verbliebene, längere Teilstück der Berliner Mauer ist für mich ebenfalls ein Ort einer solchen „konkreten Erinnerung“ – nicht vergleichbar etwa mit den Teilstücken am Potsdamer Platz. Als wir damals den einen Durchbruch durchschritten, um zur dem Ufer zugewandten Seite zu gelangen, nachdem wir vorher diese unendlich wirkende Mauerfront die Gemälde bestaunend entlang flaniert waren, stellten wir uns die Frage, ob es denn nun sinnvoll sei, auf dieser jetzt als Innenseite (damals Außen- bzw. Westseite) daherkommenden Passage zwischen Mauer und Spree zurückzugehen, da keiner darauf geachtet hatte, ob sich am Ende ein weiterer Ausgang befinde. Die an sich simple, doch in diesem Moment bedeutungsgeladene Frage war: Kommen wir denn da überhaupt noch einmal raus?

Kommen wir denn da überhaupt noch einmal raus? Es grenzt schon an einen Zynismus der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, dass diese Frage zwei komplett verschiedene Bedeutungen hat, je nachdem, ob man sie sich als Tourist an der East Side Gallery oder als Ostdeutscher hinter der Mauer stellt. Auch hier die direkte Erfahrbarkeit. Man sieht die Mauer, man hört die dahinterbefindliche Umgebung, man fühlt die Kälte des harten Steins und riecht das leichte Betonaroma. Das Optische, das Akustische, das Haptische und das Olfaktorische verschmelzen und vereinen sich mit dem Emotionalen zu einem ganz besonderen Konglomerat, welches einen ganz eigenen Eindruck auf das Denken macht und alle Sinne mitbegreifen lässt (mit Ausnahme des Gustatorischen, was zwar möglich wäre, nicht jedoch ersterebenswert ist).

Solch einen Ort einem rein kommerziellen, scheinbar höheren Anliegen zu opfern, ist abscheulich. Es geht ja hier nicht darum dieses Stück Geschichte in irgendeiner Form umzugestalten oder zu verbessern, hier handelt es sich um ein reines Weichen-Müssen, um die blanke Zerstörung eines Kulturguts. Die Verantwortlichen dieses Bauvorhabens – sowohl in Planung, Umsetzung und Politik – sollten sich darüber im klaren sein, dass sie sich zu Vergewaltigern der Kultur machen. Menschen die so etwas tun, hätten wahrscheinlich unter anderen Umständen wohl auch keine Probleme damit, Bücher zu verbrennen. Es würde mich nicht wundern, wenn in einigen Jahrzehnten ein ach so findiger Investor auf die Idee käme, aus Auschwitz ein Ferienlager zu machen inklusive Gemeinschaftsdusche und Grillplatz.

So schließe ich mit einer Abwandlung zweier berühmter: So lange das Feingefühl solcher Banausen geschlossen ist, so lange ist der Wer des Vergessens offen. Mister Wowereit, secure this mile; don’t tear down this wall!