Monthly Archives: November 2010

Das Wort, das kraft Sinn etwas tat

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ So beginnt das jüngste der vier Evangelien, das nach Johannes. „In principio erat verbum“, „en archē ēn ho Logos“, schaut man sich die verschiedenen Übersetzungen an, so wird schnell klar, dass eben nicht ganz klar ist, was das „Wort“ hier meint. Klar ist nur, dass die Bedeutung das „Wort“ in dem heutigen Sinne bei weitem überschreitet. Egal welcher Deutung man nun auch folgen mag – und es gibt genug verschiedene Interpretationen dieses Satzes – so wird jedoch bewusst, dass das Wort, also die Sprache, ergo auch die Kommunikation zentral für den Menschen ist. Ohne Wort kein Denken und nicht das spezifisch Menschliche in uns. Dennoch bleibt es und dies wird auch deutlich im Zusammenhang mit dieser Stelle, dass eben jenes Besondere, das den Menschen auszeichnet, meist nur beim „deuten“ bleibt, wenn wir versuchen, das Seiende be-greifbar zu machen.

Daher ist es umso trauriger, dass der moderne Mensch, wie wir ihn heute kennen, sich meist nur noch der Zahl besinnt: Aktienkurse, Renditen, Abschlussquoten, Schulnoten, Verkaufszahlen, Einschaltquoten und vieles mehr. Das Wort, ganz zu schweigen vom Logos, tritt in den Hintergrund. So verwundert es auch nicht, dass es heutzutage in der Vorweihnachtszeit nicht mehr um die Besinnung geht – Sinn, ein ebenso passender Interpretationsansatz – sondern nur noch darum, was man bis Weihnachten noch alles zu erledigen hat. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit wird einem bewusst, dass sich unsere schöne neue Welt um den Konsum zu drehen scheint. Wie die Ameisen laufen wir durch die Städte, bepackt mit Tüten und Taschen und fröhnen dem Tätigsein. Ein Schluss, den schon Goethe in weiser Voraussicht nahelegt, wenn er seinem paradigmatisch angelegten, modernen Menschen, als den man Faust verstehen kann, in Bezug auf die eingangs erwähnte Bibelstelle zu folgendem Schluss kommen lässt – wohlgemerkt in Anwesenheit Mephistos, der sich schon, wenn auch noch als Pudel, im Studierzimmer befindet:

Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort
Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich nicht dabei bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Die Tat also soll es sein, die Anfang und Ursprung ist. Doch liegt sie an genau dem entgegengesetzen Ende menschlicher Möglichkeiten. Auch wenn oft mit dem Denken verbunden und durch dieses ausgelöst, liegt nichts ferner davon als das Tätigsein. Die Hand ist weiter entfernt vom Kopf, als man gemeinhin glaubt. Dennoch sind es die Errungenschaften der Hand, die wir heute vergöttern. Es geht um Produktivität, um Masse, um Mehr. Selbst das Wort hat sich dem unterzuordnen und bleibt oft leere Hülse. Doch ist es wirklich erstrebenswert das eigene Dasein aus nur dem einen Blickwinkel zu betrachten? Auf dem Standpunkt der Tat stehend, schauen wir auf uns und setzen alles in Beziehung zu diesem Ausgangspunkt. Doch sollten wir vielmehr versuchen, das ganze Spektrum miteinzubeziehen – vom Wort und Denken bis hin zur Zahl und der Tat. Erst dann ergibt sich auch ein Wert, eine Qualität, die wir doch, so legen es zumindest die Erfahrungen der letzten Jahre nahe, verloren zu haben scheinen.

Wir sollten uns unserer selbst wieder besinnen und dazu bietet gerade die Weihnachtszeit eine gute Gelegenheit. Denn wenn uns der Sinn abhanden kommt, wir vor lauter Aktionismus nicht mehr dazu kommen, kontemplativ unser Dasein zu betrachten, werden wir das eigentlich Menschliche aus dem Blick verlieren. Dann ist die Frage nicht mehr „Sein oder nicht Sein“, sondern es letztich egal, ob und wer wir sind.

In diesem Sinne wünsche ich allen eine besinnliche Vorweihnachtszeit, in der man vielleicht fernab des Trubels auch dazu kommt, in der „stillen Nacht“ eine „heilige Nacht“ zu erkennen. Dann wäre es für jeden Einzelnen eine wertvolle Jahreszeit.

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Morgen kommt der Taliban

Fast jährlich zur Vorweihnachtszeit kommt sie: Die übliche Warnung vor Terroranschlägen. Doch in diesem Jahr ist es besonders absurd, was gerade in den Medien los ist. Der Innenminister warnt offiziell vor Anschlägen in Deutschland und einen Tag später findet sich erneut ein Päkchen in einem Flugzeug. Inmitten der entstehenden Hysterie, die natürlich nicht so entstehen soll, laut höchster Stelle, erscheinen dann noch Aussagen des obersten Bundespolizisten Matthias Seeger, die zwischen den Zeilen nur Eines ausdrücken: Es gibt einen eindeutigen Schießbefehl. Man habe nämlich aus Winnenden und Erfurt gelernt, dass man nicht zögern darf und ein direktes Eingreifen der Polizei, notfalls auch die Schusswaffe gebrauchend, das einzige Mittel sei, um den Schaden so gering wie möglich zu halten.

Dies mag ja als interne Anweisung durchaus richtig sein. Doch gehören solche Informationen in die Öffentlichkeit? Ich denke nicht. Schließlich ist diese sowieso schon aufgebracht genug über die drohende Gefahr vor islamistischen Terroristen. Dies zeigt auch eine nette Anekdote einer Freundin, die mir gestern berichtete, sie sei mit ihrem Nachziehwagen an der U-Bahn-Haltestelle gewesen. Dort hatte sie sich am Kiosk schnell noch eine Zeitung besorgen wollen und ließ ihren Wagen in Blick- und Reichweite stehen. Durch die ständigen Warnhinweise in den Informationstafeln aufgestachelt, kam umgehend ein älteres Ehepaar zielgerichtet auf sie zu und raunzte sie an, was ihr denn einfallen würde ihren Wagen unbeobachtet dort stehen zu lassen. Dies würde doch nur Hysterie provozieren und sei unverantwortlich in der heutigen Zeit. Es stellt sich nun die Frage, warum denn dieses Paar so besorgt war, kannten sie doch offensichtlich die Besitzerin des Wagens und sahen auch, dass diese nur einige Schritte entfernt stand. Meine Bekannte konterte dann, und dies nur, weil ihr Zug schon eingefahren war und die Türen offenstanden, mit der spontanen Antwort: „Wegen Menschen wie Ihnen gibt es überhaupt Terroristen.“

Etwas spitz und direkt diese Aussage, doch hat sie einen wahren Kern. Terrorismus funktioniert nur dann, wenn die Masse auch bereit ist, sich in Angst versetzen zu lassen. Es ist natürlich die Pflicht des Staates, die Menschen zu warnen, jedoch sollte dies in angemessener Weise geschehen. Wenn jedoch ein offizieller Vertreter davon spricht, dass im Falle des Falles das Feuer eröffnet wird, so ist dies meines Erachtens zuhöchst unverantwortlich. Selbstverständlich muss der Terrorismus mit allen Mitteln bekämpft werden und wenn nötig muss auch geschossen werden. Jedoch dies vorab öffentlich anzukündigen schürt nur unnötig die Angst der Menschen. Als sei es nicht schon beklemmend genug, dass man mittlerweile überall bis zu den Zähnen bewaffnete Polizisten rumlaufen sieht.

Mit solchen Informationen im Hinterkopf ist es nicht unwahrscheinlich, dass gerade dadurch Panik entsteht. Die selbe Bekannte berichtete mir auch von einem zweiten Vorfall in dieser Woche, in der sie ebenfalls in der U-Bahn beobachtete, wie aufgrund eines Knalls, was so ungewöhnlich ja nicht ist, mehrere bewaffnete Polizisten direkt losrannten, um die Ursache herauszufinden. Was nun, wenn Passanten eben durch solche Vorgänge aufgeschreckt, beginnen sich irrational zu verhalten und es aufgrund einer Fehleinschätzung eines einzelnen Polizisten, denn auch dieser ist nur Mensch, zu einem Schuss kommt? Dann haben eben jene Terroristen, vor denen allerorts gewarnt wird, einen ersten Erfolg erzielt – ganz ohne eigenes Zutun.

Dass die Medien sich auf dieses Thema stürzen ist verständlich, schließlich wird der Kampf um die Leser immer härter und mit Angst, Schrecken und Terror lassen sich immer noch hohe Umsätze erzielen. Dass aber vereinzelt hohe Staatsbeamte und Politiker die Stimmung anheizen ist entgegen jedem Staatsethos. Sie können in ihren Kommissionen und Einsatzgremien anweisen und beraten, was sie wollen. Jedoch sollten sie gewisse Dinge nicht in den öffentlichen Raum bringen. Noch nehmen es die Meisten gelassen auf und scherzen daüber, wenn sie ausländische Mitbürger in der Bahn sehen, ob dies nun Islamisten seien. Doch wie schnell kippt dies in konkrete Angst um, wenn irgendwo auf der Welt wirklich etwas passiert? Dann kann die Polizei aber gleich sämtliche Callcenter engagieren, um der Schar der Warnungen Herr zu werden. Doch dann könnte es sein, dass in der Masse der Meldungen, die relevanten nicht mehr erkannt werden. Hier sei an die Schleyer-Entführung erinnert, bei der auch breit dafür geworben wurde, Verdächtiges zu melden, was, wie wir heute wissen, dazu führte, dass der entscheidende Hinweis unterging und nicht verfolgt wurde.

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Dies gilt auch oder gerade in Hinsicht solcher Warnungen und Informationen. Das man dies kann, sieht man ja immer nach irgendwelchen Vorfällen, wenn Informationen zurückgehalten werden, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Warum nicht auch vorher einfach mal den Mund halten? Außerdem geht jedes Interview von der Zeit ab, die man besser in Ermittlungen stecken würde.

Ich für meinen Teil nehme zwar zur Kenntnis, dass es eine reale Bedrohung gibt, lasse mich jedoch nicht verrückt machen. Vielleicht handelt es sich auch lediglich um einen Tippfehler und der Satz lautete nicht: „Im Reichstag ist mit erhöhtem Terroristenaufkommen zu rechnen.“ Sondern: „Im Reichstag ist mit erhöhtem Touristenaufkommen zu rechnen.“ Es wäre zumindest die angenehmere Alternative.

Femmes fatales

Diese Woche hat in Deutschland ein „bizarrer Sex-Streit“ (Bild) stattgefunden: Nein, nicht der Kachelmann-Prozess ist gemeint, auch wenn eine der Beteiligten sich neuerdings als Bild-Reporterin dessen inszeniert, was mir noch immer ein Rätsel ist. Gemeint war die Reaktion von Alice Schwarzer auf das Spiegel-Interview mit Bundesministerin Kristina Schröder, eine in der heutigen Zeit allzu anachronistisch wirkende Debatte.

So oft ich auch Zweifel an den Positionen Schwarzers in der Kopftuchdebatte habe, so muss ich ihr in Bezug auf ihren offenen Brief an die Ministerin jedoch meinen Respekt zollen. Wenn auch hier nicht immer mit richtiger Zitierweise aufgewartet wird, so ist es dennoch ein unterhaltendes Sück, dass unter anderem das ultra-konservative Gesicht von Frau Schröder entlarvt. Aus Kreisen ihrer Kommilitonen der Mainzer Uni hörte man bei ihrem Dienstantritt schon lautes Stöhnen, da sie dort den Ruf hatte ultra-konservative Haltungen zu vertreten, die nicht unweit des echten Randes angesiedelt sein sollen. Aber vielleicht ist dies auch ihre Strategie. Denn nun, da der konservative Flügel der Union fast gänzlich von Frau Merkel ins Nirvana geschickt worden ist und zu vermuten ist, dass auch bald der letzte Hohepriester rechtspopulistischer Polemik im Januar in Wildbad Kreuth wird gehen müssen, ist ein Reaktionärsvakuum in der Partei entstanden, dass aufgefüllt werden will.

Dabei hatte ich noch vor einigen Wochen den Eindruck, sie stünde an einer Weggabelung, die es ihr ermöglicht hätte, einen etwas gemäßigteren Weg einzuschlagen. In einem Interview mit „The European“ hatte sie Ansätze erkennen lassen, dass man nun nauch in Unionskreisen mitbekommen habe, dass „Moderne Familienpolitik […] den Menschen [hilft], so zu leben, wie sie leben wollen – und [ihnen nicht vor]schreibt […], wie sie leben sollen. Die Organisation der eigenen Familie – das soll jeder für sich entscheiden.“ (Schröder) Auch wenn sie im selben Interview dann später Äußerungen über das für eine gute Kindererziehung notwendige Primat der Verschiedengeschlechtlichkeit traf, die Florian Krause, Bundeskoordinator der Bundeskonferenz der schwulen und schwul-lesbischen Referate und Hochschulgruppen, in einem Brief an die Ministerin scharf kritisierte und diese aufforderte: „dafür Sorge zu tragen, dass die Kinder, die bereits heute in Regenbogenfamilien leben und zukünftig leben werden, endlich auch rechtlich zwei Elternteile haben können.“

Aber vielleicht wird dies schon bald von anderer Stelle durchgesetzt, denn ganz ohne aufgebauschten Medienrummel und mit nur einer Meldung in den meisten großen Medien, jedoch mit vielen im Bundestag, wurde diese Woche Prof. Dr. Susanne Baer zur Verfassungsrichterin gewählt. Somit ist der Regenbogen nun auch in Karlsruhe angekommen und man darf gespannt sein, wie die seit Jahren um Gleichstellung bemühte, offen lesbisch lebende Verfassungsrichterin, das Klima des Bundesverfassungsgerichts wird auffrischen können. Man kann unserer Ministerin jetzt nur raten, bei familienpolitischen Gesetzen vorsichtig zu formulieren, um nicht Gefahr zu laufen, dass Ähnliches passiert wie mit den steuerlichen Regelungen zum Lebenspartnerschaftsgesetz.

Doch zurück zum Halbwissen über den frühen Feminismus von Frau Schröder, die diesem, wie Alice Schwarzer richtig feststellt, überhaupt erst ihre Karriere verdankt. Es mag ihr vielleicht nicht bewusst sein, dass es Zeiten gab, in denen Frauen – und darauf rekurrierte Schwarzer mit ihren damaligen Veröffentlichungen – nicht so frei und selbstbestimmt waren wie heute. Die Kontoeröffnung, der Führerschein und das annehmen einer Arbeitsstelle mussten per Gesetz vom Manne explizit erlaubt werden. Von eben dem Manne, der in vielen Fällen nach dem feierabendlichen Bier erst einmal nach Hause kam und seinen Frust mittels Prügel an seiner Frau ausließ, die dies gefälligst zu dulden hatte und auch, falls sie überhaupt in der Gesellschaft darüber sprach, von dieser kein Gehör fand. Solche Fälle kennt man, auch wenn man bis heute nicht wirklich weiß, ob es Einzelfälle oder ein gesellschaftliches Massenphänomen war, da die Opfer teilweise noch heute schweigen.

In diesem Zusammenhang, vor allem im Kontext eines theoretischen Diskurses, ist die Überlegung, „dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau“ (Schwarzer zitiert von Schröder) nicht mal so abwegig, wenn auch überspitzt dargestellt und eher als Versinnbildlichung zu verstehen. Die Provokanz solcher Aussagen tat jedoch in der damaligen Zeit Not, um die Menschen wachzurütteln. Als Gedankenkonstrukt ist dies in dieser oder ähnlicher Form in sämtlichen Schriften des frühen Feminismus sowie der beginnenden Gender Theory zu finden. Die Frau wurde penetriert und in den meisten Fällen nicht freiwillig. Dies ging sogar so weit, dass der damalige Gesetzgeber der Meinung war, es gehöre zu den ehelichen Pflichten der Frau, wenn sie schon keinen Spaß am Sex habe, dem Mann wenigstens zu vermitteln, es sei so. Also wenn dies nicht Grundlage genug ist, von einer „Unterwerfung des Frau“ zu sprechen, dann befürchte ich, hat Frau Schröder, die ja noch nicht allzu lange im Gefüge der Ehe lebt, ein Konzept von Partnerschaft im Sinn, welches eher an Guantanamo erinnert denn an eine gleichberechtigte Partnerschaft. Aber sollte sie so denken, dann sei es ihr gestattet, schließlich sind die Gedanken frei.

A propos frei: Der schwule, britische Moderator, Schauspieler und Autor Stephen Fry verstrickte sich kürzlich in ähnlich wilde Auseinandersetzungen. Auch er geriet in die Fänge des zeitgenössischen Feminismus und wurde von der britischen Liga der außergewöhnlichen Neo-Sufragetten an den Pranger gestellt. Vorab sei hier darauf hingewiesen, dass sich in den Theorien des Feminismus bis heute ein Pauschalvorwurf der männlichen Unterdrückung der Frau finden lässt, der nicht zwischen homo- und heterosexuellen Männern unterscheidet. Doch zeige man mir bitte einen schwulen Mann, der eine Frau unterdrückt (Schmerzen beim Ziehen von Strähnen oder des zwängens in eigens designte Outfits ausgenommen). In einem Interview mit dem britischen Schwulenmagazin Attitude, hatte Wilde – verzeihung Fry – behauptet, Frauen hätten nicht in vergleichbarer Weise Spaß an Sex wie Männer und würden deshalb auch nicht den billig-schnellen Sex praktizieren, der in der schwulen Szene recht verbreitet ist. Leider jedoch hatte er, der sonst sehr gekonnt formuliert, wohl einen nicht allzu guten Tag, so dass er Aussagen lieferte, die postwendend von den Gegnerinnen im feministischen Lager aufgegriffen und gegen ihn verwendet wurden. Da darüber nicht allzu viel in der hiesigen Presse zu finden war, hier von mir ins Deutsche übertragen, die Highlights dieser Auseinandersetzung:

Fry: “Wenn Frauen Sex so sehr mögen würden wie Männer, gäbe es heterosexuelle Cruising-Areas wie es sie für Schwule gibt. Frauen würden hingehen und in Kirchhöfen rumhängen und denken: ‚Gott, ich muss es mal wieder so richtig besorgt bekommen‘ oder sie würden nach Hampstead Heath gehen und mit einem Fremden hinter den Büschen vögeln. Es passiert aber nicht. Warum? Weil die einzigen Frauen, mit denen man derart Sex haben kann, dafür bezahlt werden wollen. […] Mir tun heterosexuelle Männer leid. Der einzige Grund warum Frauen Sex mit ihnen haben, ist dass dies der Preis ist, den sie bereit sind zu zahlen für eine Beziehung mit einem Mann, die sie nämlich eigentlich wollen. Natürlich werden viele Frauen dies nun bestreiten und sagen: ‚Oh, nein, aber ich liebe Sex. I love it!‘ Aber streifen sie so in der Weise herum und haben ihn, wie es schwule Männer tun?“

Wenn auch etwas überspitzt dargestellt, so hat er hier im Rahmen der Argumentation einen treffenden Punkt angesprochen und hat nichts anderes getan als der eben erwähnte frühe Feminismus, der von der Unterwerfung der Frau sprach und damit das sprachliche Mittel der Überspitzung anwandte. Wo also ist das Problem? Es war garantiert nicht im Geiste vergangener Jahrhunderte geäußert, als man noch davon ausging, die Frau sei anatomisch nicht in der Lage befriedigenden Sex zu haben und sei sowieso ein hysterisches Wesen, welches es zu zähmen gelte. Dennoch stürzten sich die Frauenrechtlerinnen auf ihn. Allen voran Germaine Greer und Rosie Boycott:

Greer: „Stephen Fry erliegt hier klar der Täuschung anzunehmen, er sei eine Autorität für weibliche Sexualität. Ok, wenn er denkt, dass Frauen an Genitalkontakt mit absolut Fremden nicht interessiert seien, dann hat er absolut recht. Aber darazs zu schließen, dass wir an Sex desinteressiert seien ist Wahnsinn. Es stimmt, dass Männer ein Interesse an einer Art von Sex haben, die Frauen unendlich belastend finden und es ist wahr, dass Frauen wirklich nicht auf Toiletten rumhängen wollen in der Hoffnung, dass jemand vorbei kommt und mit ihren Teilen spielt. Das ist nicht, was Leidenschaft für uns ausmacht und wir würden uns in Todesgefahr begeben, wenn dem so wäre. Frauen haben eine Vorstellung von Leidenschaft, die Männer wie Stephen sich nicht im Ansatz vorstellen können. Wonach Frauen verlangen ist Intimität. Der Fakt, dass für Frauen Sex ein integraler Bestandteil von Nähe ist, heißt nicht, dass wir weniger daran interessiert wären.“

Boycott: „Frauen sind ebenso fähig Sex zu genießen wie Männer. Wir gehen nicht cruisen oder suchen Schäferstündchen auf Hampstead Heath, weil wir es nicht nötig haben.“

My dear Mister Singingclub! Wozu dieser ganze Wirbel? Das einzige, was Fry mit seinen Aussagen ausdrücken wollte, ist, dass Frauen eben keine schwanzgesteuerten Wesen sind, denen umgehend das Blut im Hirn fehlt sobald es sich in tiefer gelegeneren Körperregionen anstaut. Ganz nebenbei sei erwähnt, dass innerhalb der Klasse männlicher Wesen, es gerade die Schwulen sind, die sich am ehesten über weibliche Sexualität auslassen können – sind sie es doch auch, die in stundenlangen Gesprächen mit Frauen Details erfahren, die jeder Heterosexuelle sich nicht im Traum zusammenreimen kann. Aber selbst in Bezug auf schwule Sexualität überspitzt Fry seine Darstellung, denn Gott sei Dank leben wir heute in einer Zeit, in der es aufgrund des nicht mehr vorhandenen gesellschaftlichen Stigmas nicht mehr zwingend nötig ist, sich zum Sex in öffentlichen Toiletten zu treffen. Doch leider sind die heutigen britischen Feministinen nicht so beschwingt-locker wie das wohl berühmteste Beispiel Winifred Banks, ihres Zeichens frauenrechtlich aktive Mutter in Mary Poppins.

Doch diese Episode zeigt einmal mehr, dass man heutzutage ständig auf der Hut sein muss, sich ‚political correct‘ auszudrücken. Meine Meinung: „F*ck political correctness!“ Es muss doch auch möglich sein, dass man in einer freien Gesellschaft uralte rhetorische Mittel wie Übertreibung, Zuspitzung, Ironie, Sarkasmus oder gar Zynismus verwenden darf. Denn dass man andernfalls auch schnell ins Paradoxe abtriften kann, zeigt der folgende Rat der grünen Jugend zum Thema Gendern:

„Bei Bezeichnung der Tierarten gibt es im Deutschen keine festen Regeln für das grammatische Geschlecht. Es ist auch nicht wie bei Personen besonders männlich dominiert, sondern ist eher als zufällig zu bezeichnen. Da die Benennung von Tieren nichts mit Unterschieden der Geschlechter in der Gesellschaft zu tun hat und somit auch keine Relevanz auf deren Stellung in der Gesellschaft hat, ist es nicht nötig Tiere zu gendern.“

Eine Stilblüte des Gleichheitsbestrebens sonder gleichen. Den Verfassenden (sic!) dieser Zeilen sei gesagt, dass die meisten Tiere schon dem Wort nach gegendert sind: Katze/Kater, Kuh/Ochse, Ente/Erpel, Eber/Sau, etc. pp. Und es nunmal absoluter Unsinn ist von einer StierIn oder GanterIn zu sprechen.

Für mich befindet sich dieser ganze Diskurs in dem Spannungfeld zwischen zwei im engesten Umfeld erlebten Vorbilder, die beide auf ihre Art richtig liegen: Auf der einen Seite meine Großmutter mütterlicherseits, die als Frau durchaus selbstbestimmt und emanzipiert lebte, lange bevor die meisten wussten, wie man Emanzipation schreibt und auf der anderen Seite meine Großmutter väterlicherseits, die noch heute die allzu wahre Meinung vertritt: „Es wird so lange keine Gleichberechtigung geben, solange Männer nicht schwanger werden können.“

Fleur de l‘Age

Noch mit der Suche nach einem schönen Thema für den heutigen Beitrag beschäftigt, stand ich heute nackt vor dem Spiegel und kämmte meine noch nassen Haare. In der Wanne hatte ich darüber sinniert, ob ich nun eher einen novembrig-ernsten Text verfassen solle, mich fröhlichen Auslassungen hingeben solle oder etwa doch wieder etwas Politisches aufgreifen könne. In dem Moment stieg für den Bruchteil einer Sekunde etwas in meine Nase, dass sich nur schwer beschreiben lässt. Dennoch will ich versuchen, es in Worte zu kleiden.

Es gibt einen Geruch – wobei Geruch hier der falsche Begriff ist, ist es doch vielmehr nur eine Note –, den wohl jeder kennt, aber über den man in der Regel nichts liest oder hört, da es kein angenehmer Aspekt des menschlichen Lebens ist. Ein Duft, den man mit alten Männern in Verbindung bringt. Ich meine nicht einen bestimmten greifbaren Geruch, wie etwa schlechter Atem, Schweißgeruch oder Ähnliches, es geht um eine ganz bestimmte Note, die, soweit ich dies bisher erlebt habe, mit zunehmendem Alter deutlicher hervortritt und bei sehr alten Menschen – wobei ich denke, dass ich sie bisher nur bei Männern wahrgenommen habe – ein Grundbestandteil des meist bitter-säuerlichen Eigengeruchs ist. Gerade merke ich, wie schwer es ist, dieses Phänomen zu beschreiben und ändere angefangene Sätze häufiger als üblich. Vielleicht hilft es, wenn ich versuche zu beschreiben, wann man diese Note wahrnimmt. Man nimmt sie zum Beispiel bei Männern mittleren Alters wahr, dann jedoch meist nur ganz kurz, so dass beim zweiten, zur Kontrolle angesetzten Einatmens, eben diese Note wieder verflogen zu sein scheint. Je älter das Gegenüber jedoch ist, desto häufiger und auch länger und deutlicher nimmt man sie wahr. Sie hat nichts mit einem wie auch immer gearteten Eigenduft zu tun, der ja bei sämtlichen Menschen verschieden ist, sondern scheint etwas Universales zu sein, da sie immer gleich ist. Assoziativ lässt dieser Geruchsbestandteil an Vergängliches denken, man nimmt ihn zum Beispiel auch in Kellern und auf Speichern wahr, wo es „irgendwie alt“ riecht.

Jedenfalls dünkte mir, ich röche diesen Geruch, zumindest für den Bruchteil einer Sekunde. Sofort war mir bewusst, dass ich es wahr, was ich gerochen hatte. Dies belegt auch gewissermaßen die Annahme, dass es sich hierbei um keinen der üblichen Körpergerüche handelt, da ich ja gerade erst dem Badewasser entstiegen war und an sich, was ein zweites Nachriechen mir auch bestätigte, frisch und sauber roch. Dennoch war er für kurze Zeit da, dieser „Duft des Alters“, den ich in Ermangelung eines passenden gesetzten Begriffes, im Folgenden einfach „Fleur de l’Age“ nennen werde, in Anlehung an mein Lieblingsparfum „Fleur du male“ von Gaultier und als euphemistische Beschreibung, um nicht von „Verwesungsgestank“ reden zu müssen. Denn gerade fällt mir ein, dass auch in Gegenwart von Leichen, diese Note sehr dominant ist.

Geschockt von diesem Hinweis des Alters, dass es fortschreite, griff ich zum erstbesten Parfum, um ein etwaiges Wiederaufleben im Keime zu ersticken, was in sofern Unsinn ist, weil Duftnoten sich ja auch durch einen Nebel guten Geruchs schleichen können. Es war jedoch nicht das oben erwähnte „Fleur du male“, da dieses momentan leer ist, sondern ein recht billiges Parfum, was gerade griffbereit da stand. Je länger ich jedoch über diesen Vorfall nachdenke, desto mehr Lust bekam ich auf mein „Winterparfum“. Dieses ist ein, meines Erachtens, wunderbarer Duft des Italieners Lorenzo Villoresi und trägt den wohlklingenden Namen „Garofano“. Wie der Name schon sagt, ist der Hauptbestandteil Nelke, was dazu führt, dass viele diesen Geruch überhaupt nicht mögen. Oft schon bekam ich gesagt, wenn ich ihn tragend einen Raum betrat, ich röche wie ein Blumenstrauß – oder wie meine Mutter es auszudrücken pflegt: „wie ein wandelndes Grabgesteck“. Dennoch mag ich diesen Duft sehr, da er sehr gut gerade in die Monate November und Dezember passt und bin der Person, die ihn mir einst schenkte (und die sich jetzt sicherlich wundert, dass davon überhaupt noch etwas über ist), sehr dankbar – nicht nur aufgrund des materiellen Wertes. Das eigentlich umwerfende an diesem Parfum aber ist, dass der Duft sich weiterentwickelt und gewissermaßen lebt. Man trägt ihn auf und aufgrund der natürlichen Herstellung ohne synthetische Zusätze kommen zu verschiedenen Zeiten, andere Noten zum Tragen. Ein klassisches Parfum also, dass noch im Gegensatz zu den Semper-Talis-Düften der Kosmetikindustrie über Kopf-, Herz- und Basisnote verfügt. Aber ich schweife ab.

Ich dachte also über „Fleu de l’Age“ im speziellen und die menschliche Vergänglichkeit im Allgemeinen nach (es wird also doch ein novembrig-ernster Beitrag), als mir eine Episode durch den Kopf schoss, die in Patrick Süskinds „Das Parfum“ beschrieben wird: Nachdem Jean-Baptiste Grenouille mehrere Jahre in einer Höhle auf einem Vulkanberg, dem Plomb du Cantal, mitten in Frankreich verbracht hat, gerät er, nachdem er in die Zivilisation zurückgekehrt ist, in die Fänge des naturforschenden Marquis de la Taillade-Espinasse. Dieser hat eine Theorie entwickelt, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Vitalität und Erdnähe beschreibt:

„Seine These war, daß sich Leben nur in einer gewissen Entfernung von der Erde entwickeln könne, da die Erde selbst ständig ein Verwesungsgas verströme, ein sogenanntes »fluidum letale«, welches die Vitalkräfte lähme und über kurz oder lang vollständig zum Erliegen bringe. Deshalb seien alle Lebewesen bestrebt, sich durch Wachstum von der Erde zu entfernen, wüchsen also von ihr weg und nicht etwa in sie hinein; deshalb trügen sie ihre wertvollsten Teile himmelwärts: das Korn die Ähre, die Blume ihre Blüte, der Mensch den Kopf; und deshalb müßten sie auch, wenn das Alter sie beuge und wieder zur Erde hinkrümme, unweigerlich dem Letalgas verfallen, in das sie sich durch den Zerfallsprozeß nach ihrem Tode schließlich selbst verwandelten.“ (Süskind: Das Parfum)

Wenn diese Theorie auch der etwa zur gleichen Zeit entstandenen und später durch Lavoisier widerlegten Phlogistontheorie ähnelnd heute als überholt und falsch erwiesen ist, so ist es doch ein reizvolles Gedankenspiel, dass sie nicht deswegen falsch sei, weil es ein solches Gas nicht gibt, sondern, das sich der gute Marquis nur geirrt habe und das „fluidum letale“ nicht der Erde entspringe, sondern als „Fleur de l’Age“ ein Produkt unserer selbst wäre. Diesem Gedanken folgend, könnte auch erklärt werden, warum dieser Geruch bei Frauen, die über eine statistisch höhere Lebenserwartung verfügen und ihm vielleicht nur passiv zum opfer fallen, nicht wahrgenommen wird. Ich möchte jedoch ausdrücklich darauf hinweisen, dass diese Theorie wirklich nur zur spielerischen Reflexion taugt und jedweder Wissenschaftlichkeit entbehrt.

Dennoch gibt es sie, diese Vorboten der Vergänglichkeit und wir alle kennen sie. Es gibt die offensichtlichen wie etwa graue Haare, Augenfalten oder sonstige Veränderungen der Haut, jedoch eben auch diese nicht greifbaren wie das beschriebene „Fleur de l’Age“. Gerade fällt mir eine Begebenheit ein, die mich damals sehr erstaunt hat: Es war vor Jahren in einer kölner Kneipe, man stand an der Theke und lernte Menschen kennen. Natürlich kommt dann oft die Frage nach dem Alter, welches man der Geselligkeit wegen dann gerne erst einmal schätzen lässt. In einer solchen Situation nahm mir einmal jemand – ich wüsste heute nicht mehr wer es war – die Brille ab und zog mein Augenlid nach unten. Danach schätzte er mein Alter genau. Auf dieses seltsame Verhalten angesprochen, erwiderte er, die Geschwindigkeit des Zurückschnellens des Augenlids sei der beste Indikator für das Alter der Person.

Wie dem auch sei, wenn man solche Merkmale an sich feststellt, lässt dies nachdenklich werden. Man wird daran erinnert, dass alles eitel ist:

„Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.“
(Gryphius: Es ist alles eitel)

Diese Memento-Mori-Momente sind es jedoch, die unserem Leben erst Kraft und Antrieb verleihen. Ein Gedanke übrigens, der auch schon bei meinem akademischen Urgroßvater Martin Heidegger zu finden ist (zur Erläuterung der Verwandtschaft: Heidegger-Gadamer-Drechsler-Merkler). Denn wären wir alle unsterblich wie die Götter, so würde es des sofortigen Handelns nicht bedürfen. Der Gemeinplatz: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf Morgen“ verlöre seine Relevanz, denn wer ewig lebt, kann alles auf einen anderen Tag verschieben, wissend, dass er noch unendlich viel Zeit habe. Man kann sagen, dass das tätige Leben von einer rekursiven Kausalität bestimmt ist. Der nahende Tod, so fern er auch liegen mag, spornt uns an. Natürlich nicht in einem monokausalen Sinne, denn Geiz, Gier, Macht und Wohlstandstreben sind ebenso starke Triebfedern für den Menschen. Doch ist es gerade diese Vergänglichkeit, die uns gewissermaßen unter Druck setzt. Oder, um es der Jahreszeit entsprechend, abschließend mit Rilke auszudrücken:

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
(Rilke: Herbsttag)