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Zensur des Proletariats

Endlich! Es ist geschehen. Der zur eigenen Beweihräucherung angetretenen Fernsehwelt hat jemand ihre schlechten Drehbücher sinnbildlich vor die Füße geschmissen. Und wer hätte diese bitternotwendige Aufgabe besser übernehmen können als der Papst, nein Prophet der Kritik, Marcel Reich-Ranicki? Niemand! Denn niemand der dort anwesenden hätte alle Fähigkeiten, derer es dazu bedarf, in sich vereinigen können: Den Mut, sich bei einer ganzen Branche unbeliebt zu machen, den Geist, dem Gesagten durch das eigene Werk eine Basis zu verleihen, und die Autorität, dass man die Kritik – zumindest vorläufig zum Schein – ernst nimmt und darauf reagiert.

Dem deutschen Fernsehen wurde offen und ehrlich gesagt, was man als denkender Mensch in diesem Land, von ihm zu halten hat. Auch wenn MRR meinte, er hätte seine Entscheidung früher treffen sollen, so war es nicht link, sondern er hatte Recht. Es hat mich sehr gefreut, dass selbst, wenn auch wohl unbewusst, die Jury selbst die Kritik zum Ausdruck brachte, in der sie in der Kategorie „Beste Comedy“ den Preis an „Switch reloaded“ verlieh, eine Sendung, die diesen ganzen Medienbrei auf der Metaebene durch den Kakao zieht und alleine in ihrem Titel schon darauf aufmerksam macht, dass man nicht mehr anders kann, als wegdrehen. Bei dieser Gala wurde endlich einmal auf den richtigen Knopf gedrückt.

Auch wenn man nicht alles im deutschen Fernsehprogramm pauschalisieren kann, so ist die Qualität doch im gesamten gesehen grottenschlecht. Ein Aspekt, der mir schon des Öfteren aufgefallen ist, der mir aber gerade spontan einfällt, da ich das Wort benutze liegt auch darin, dass man selbst der eigenen Sprache im Fernsehen nicht mehr mächtig ist. Damit meine ich nun nicht die Laien in den Talkshows, sondern zum Teil studierten Menschen, denen der Unterschied zwischen den Worten „pauschalisieren“ (= über einen Kamm scheren) und „pauschalieren“ (= mit einer Pauschale versehen) nicht bewusst ist und sie ständig Pauschbeträge über Bevölkerungsgruppen, Minderheiten oder Gruppen stülpen.

Doch zurück zum Eigentlichen. Warum, um Alles in der Welt, importieren wir, was das Programm angeht eigentlich nur den größten Dreck nach Deutschland? Wohlgemerkt, in ein Land, dass vor einigen Jahrzehnten noch selber an der kreativen Spitze mitspielte und dessen Unterhaltungssendungen durchaus ihre Reize hatten. Warum kopieren wir diese Unzumutbarkeiten und kommen nicht einmal mit eigenen Ideen, die dem Land der Dichter und Denker auch würdig wären? Oder warum, sollte uns wirklich nichts Neues einfallen, machen wir es nicht wie beispielsweise die BBC oder andere ausländische Sender, die gerade in den letzten Jahren mit wunderbaren Literaturverfilmungen, sei es Epik oder Drama, mit erstrangigen Schauspielern wie Judi Dench, Collin Firth, Anthony Hopkins oder Emma Thompson aufwarten? Wo bleibt Senta Berger als Elisabeth I. in Schillers „Maria Stuart“? Wo bleibt Adorf als „König Richard III.“? Wo bleiben anspruchsvolle Unterhaltungssendungen wie beispielsweise die Rateshow „QI“ mit Stephen Fry, dessen deutsches Pendant allerdings schwer zu besetzen sein dürfte? Kurz: Wo bleibt die Qualität?

Warum steckt man unsere Promis, die wir als Kommentatoren und Teilnehmer kaum mehr ertragen können, da immer die gleichen Fratzen den Bildschirm ausfüllen, immer nur in dämliche Spielshows oder gleich in den Dschungel? Es wäre einmal ein schöner und selbstironischer Ansatz, sie stattdessen in eine Bibliothek zu verfrachten. 14 Tage lang bei Wasser, Brot und Leselampe. Dort könnten sie dann ihre Aufgaben bewältigen, in dem sie klassische Texte lesen und Inhaltsfragen anschließend beantworten müssten, je näher man dem Finale käme dürfte es auch gerne mal eine Kurzinterpretation oder eine einordnung in den historischen Zusammenhang sein. Warum immer nur das Prekariat entblößen, in dem man sich an den Problemen von Verschuldeten oder schlimmer noch notleidenden Kindern ergötzt, von denen man sich ja nach Ansicht Gottschalks noch viele wünschen soll, damit die Shows weiteren Stoff bekommen? Warum sich nicht einmal daran ergötzen, dass die ihrem Auftrag nach Kulturschaffenden über selbige nicht mehr verfügen? Gerne würde ich zusehen wie Dieter Bohlen sich einen darüber zurecht stammelt, wie denn „Nathan der Weise“ in Beziehung zur Aufklärung steht. Eine Epoche übrigens, deren hart erkämpfte Freiheiten diesem ganzen Schwachsinn überhaupt erst eine Plattform gegeben haben, aus der sich dieser krebsartig heraus wuchern konnte.

Es lebe der Tod der Zensur! Doch halt – ist diese denn tot? Wird nicht heute mehr denn je zensiert? Doch, allerdings mit einigen Modifikationen. Es zensiert nicht mehr der Herrschende sondern es zensieren die Beherrschten. Die Demokratie der Quote entscheidet, was gesendet werden darf und was abgesetzt wird. Auch wird nicht mehr ein vertikaler Schnitt gemacht, so dass sich in dem erlaubten Segment wenigstens noch das gesamte Spektrum intellektueller Geisteskraft entfalten kann, vom dümmsten Kommentar bis zum geistreichen Aphorismus, sondern es wird gnadenlos ein horizontaler Schnitt gemacht und alles, was zu anspruchsvoll und zu schwer ist oder den eigenen Geist erfordert, einfach verworfen auf den großen Haufen, den man den Massen nicht zumuten kann. Nach der Buchverbrennung gab es durchaus noch gute, intelligent geschriebene Bücher, nach dem Quotenentscheid jedoch bleibt nur noch ein kläglicher Rest, kümmerlichen Zeitgeists. Wenn dem nicht Einhalt geboten wird, können wir gleich in Analogie die Schüler selbst entscheiden lassen, welche Themen auf den Lehrplan gehören, sollten uns dann jedoch nicht wundern, wenn dann schon bei der ersten Abstimmung der Dolchstoß des Dreisatzes zu verzeichnen ist.

Das die privaten Sender meine, sie müssten dem Volk weiter Opium unter den Einheitsbrei mischen, kann man ja noch verstehen, denn schließlich sind diese wirklich auf die Quote angewiesen. Doch warum sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen zunehmend nach den gezählten Einschaltern richtet ist unverständlich. Diese Gleichschaltung, und ich meine das Wort so negativ konnotiert, wie es ist, steht Pate für die Tatsache, dass man vergessen hat, dass man vom Steuerzahler dafür Geld bekommt, neutrales und qualitativ hochwertiges Programm zu produzieren. Man könnte sogar soweit gehen, dass man sagt, es habe einen Bildungsauftrag. Etwa nur deshalb nicht zu produzieren und zu senden, weil man vermutet, dass der Zuschauer es sowieso nicht schauen würde, ist in etwa so logisch wie als Lehrer zu beschließen, die Kurvendiskussion gar nicht erst zu erklären, da sie eh keiner versteht. Und vielleicht sollte man sich einmal überlegen, warum solche Sendungen in vielen Fällen nicht geschaut werden. Ein Mitgrund hierfür liegt auch darin, dass es immer mehr Menschen gibt, die aufgrund der jahrelang konstant schlechten Qualität gar keinen Fernseher mehr besitzen.

Doch eines muss man ihnen, was die letzte Zeit anbelangt, zugute halten: Zumindest im Hinblick auf große Fernsehspiele wie „Das Wunder von Berlin“ oder „Contagan“ ist die Hoffnung noch nicht gestorben und man sieht noch einen Silberstreif am Himmel. Ob es jedoch der Aufgang oder Untergang ist, wird noch abzuwarten sein.

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Einheitsgedanken

An diesem verlängerten Wochenende stand ein Thema prominent im Vordergrund: Die Volljährigkeit der deutschen Einheit. 18 Jahre, eine lange Zeit und doch kommt es mir vor, als sei die zeit dahin geflogen. Zumindest teilweise, denn in einer Hinsicht fühle ich mich auch heute noch auf demselben Stand wie damals. Ich begreife es nicht. Das hat jetzt nichts mit Verstehen zu tun, denn verstanden, was da seinerzeit vor sich ging, habe ich es sehr wohl. Um diesen Unterschied deutlich zu machen, werde ich wohl etwas weiter ausholen müssen.

Als die Mauer fiel war ich gerade einmal sieben Jahre alt. Ein Alter, werden viele jetzt sagen, bei dem ich damals noch gar nicht verstehen konnte, was dort vor sich ging – zumal es manch Erwachsener zu diesem Zeitpunkt wohl nicht verstanden haben mag. In diesem Punkt muss ich auch uneingeschränkt zustimmen, denn zu eben jenem verstehen fehlte mir das Wissen, was ich jedoch sehr wohl, auch ohne Vorbildung mitbekommen habe war die Bedeutung, die Magie des Augenblicks. Ich hätte wohl auch noch ohne die zahlreichen Wiederholungen die Bilder im Kopf, die damals in jedes Wohnzimmer drangen und für das erste einheitliche Erlebnis sorgten. Damals habe ich sie natürlich anders aufgefasst und versucht sie in meinem kindlichen Denken umzuformulieren. Für mich war es damals eine überdimensionierte „Rudi Carrell Show“, denn genau wie in dieser Show, die man seinerzeit noch regelmäßig gemeinsam in der Familie schaute, immer darum bangend, dass für Mutters Taschentuchkonsum hektarweise Regenwald abgeholzt werden müssten, fielen sich nun Menschen in die Arme, die sich jahrzehntelang nicht gesehen hatten. Nur war es eben nicht nur „de Ejdeltraud, die ihre grouße Bruder seit dreije-vierzich Jahre nich mehr gesehe hat“, sondern es waren hunderte, nein tausende, denen dieses Glück dort zuteil wurde.

Das Wissen und das Verständnis fehlten, die Emotionen jedoch waren greifbar. Und auch ein Jahr später, als die erste gesamtdeutsche Nationalmannschaft Fußballweltmeister wurde, war dies ein prägendes Erlebnis, denn gerade für Kinder ist die Wirkung der Bilder größer denn die der Zahlen. (Die Ernüchterung was die Zahlen anbelangte, kam erst 1992 bei der Olympiade, da Deutschland hier im Vergleich zur Vergangenheit sehr schlecht abschnitt, da man nun nicht mehr, wie meine Oma es immer tat, die Medaillen von Ost und West zusammenzählen konnte.) Doch die Zahlen und Fakten wurden dann in den folgenden Jahren nachgereicht, was heißt, dass das Verstehen dieses Ereignisses stetig zunahm und auch heute noch weiter zunimmt, je mehr man sich mit diesem Thema beschäftigt.

Doch genau da setzt nun die oben beschriebene Kluft zwischen Verstehen und Begreifen an. Denn je mehr ich über das damals vorgefallene wusste und weiß, desto ungreifbarer wird es. Mit jedem Faktum, welches sich dazu gesellte, wurde die Dimension der Ereignisse noch größer. Alleine später zu lernen, dass der 2+4-Vertrag das erste Friedensabkommen nach Beendigung des zweiten Weltkrieges war, lud die Bedeutung des Mauerfalls um ein Vielfaches auf und ich musste verstehen lernen, dass die Menschen, die nie in einem Krieg waren und die man nicht damit verband, wie meine Eltern beispielsweise, jedoch auch nie im Frieden gelebt hatten – zumindest nicht, was die rechtliche Situation anbelangt. Wenn man sich nun vorstellt und hofft, dass es nie wieder einen Krieg auf deutschem Boden geben wird, so erkennt man, dass dann seit Freitag das erste Mal Menschen mit vollen Individualrechten in Deutschland ausgestattet sind, die nicht in einem Zustand des Kriegs leben. Dies bezieht sich nicht nur auf das letzte Jahrhundert, sondern auf die gesamte Geschichte, angefangen bei den Germanen, über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und das Kaiserreich bis hin zur Bundesrepublik Deutschland. Nie hat es Menschen gegeben, die in ihrem Leben nicht irgendwann im Unfrieden waren oder auf individuellste Rechte verzichten mussten. So kann man nur hoffen, dass diese erste Generation auch nicht durch kommende Ereignisse diesen Status verliert. Jedenfalls hat sie jedoch die besten Chancen, diesen status quo zu bewahren.

Dieser status quo gründet gewissermaßen ebenfalls auf den Erlebnissen von 89/90. Denn hier liegt auch die Geburtsstunde für unser heutiges Europa. Natürlich sind die europäischen Bündnisse wesentlich älter, jedoch haben sie seither eine andere Qualität. Vormals stabilisierende Zweckgemeinschaften sind heute in konstruktiver Weise Garant eines innereuropäischen Friedens. Aus einer kleinen Gemeinschaft mittel- und westeuropäischer Staaten, die Handel mit einander betreiben, um somit zumindest wirtschaftlich dem Fein im Osten entgegenzustehen, ist eine paneuropäische Gemeinschaft geworden, die sich auch jenseits der Regelungen über Kohle Stahl für einheitliche rechtliche Belange einsetzt und somit nach und nach diesem seiner Natur nach doch sehr anfälligen Körper Europa einen Schutzschild schmiedet, der ihn hoffentlich vor künftigen Angriffen zu verteidigen weiß.

Man sagt, dass menschliche Gehirn sei zu klein, um sich selber zu verstehen, um wie viel schwerer ist es dann historische Zusammenhänge dieses Ausmaßes zu verstehen. Wobei das Verstehen, ja noch dar einfachere Bewusstseinsprozess ist. Will man es jedoch begreifen, verinnerlichen und für sich selber fassbar machen, so gelangt man an seine Grenzen. Es ist nicht greif-bar, es ist so abstrakt, dass man es nicht zu packen bekommt und fassungs-los mit offenem Mund zurückbleibt. Ein beklemmendes Gefühl der eigenen Nichtigkeit stellt sich ein angesichts solcher Gedanken. Das, was man selbst in seinem Leben erreicht hat, egal wie groß es was und egal mit wie viel Stolz es einen erfüllte, scheint dagegen lächerlicher Kinderkram und auch die Aktionen der damaligen Protagonisten, auf die man dieses Wunder heute gerne projiziert, sind nichts dagegen, denn sie haben zwar damals dazu beigetragen, jedoch jeder für sich, nur in einem kleinen, bescheidenen Maße.

Dem Ganzen lag auch, das wissen wir zumindest aus der Rücksicht, eine gewisse historische Zwangsläufigkeit zugrunde. Hier hat Geschichte das geschrieben, zu dessen Formulierung kein Mensch in der Lage gewesen wäre. Wäre ich nicht so rational, wie ich es bin, wäre dies ein guter Startpunkt für mich, einen Gottesbeweis zu führen, denn obwohl die damaligen Entscheidungen, die Taten, das Verhalten der Beteiligten im einzelnen allzu menschlich waren, so war das daraus resultierende Gesamtergebnis in einem solchen Maße unmenschlich, beziehungsweise übermenschlich, dass sich dieser große Plan nicht mehr in einfachen Zahlen und Fakten ausdrücken lässt.

Die einzigen Auswege aus dieser inneren Beklemmung, die sich zwangsläufig einstellt, wenn man darüber nachdenkt sind Hoffnung und Dankbarkeit. Hoffnung, dass das damals Geschenkte künftig keinen Schaden erleiden muss und Dankbarkeit, dass man selbst es miterleben durfte. Diese wird solange jene sich erfüllt stetig abnehmen und es wird immer mehr Erwachsende geben, die die heutigen Verhältnisse als Selbstverständlichkeit ansehen. Doch sollten auch künftige Generationen inmitten tagespolitischer Diskurse, deren Wichtigkeit ich an dieser Stelle keineswegs in Frage stellen möchte, ab und an inne halten und sich besinnen, woher wir denn kommen und wie das Davor ausgehen hat. So möchte ich mit Goethe schließen, der es wie es kaum ein anderer auf den Punkt gebracht hat:

„Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.“