Monthly Archives: June 2011

Judy stays…

Es war der Abend des 27. Juni 1969, viele der Schwulen, die sich in der kleinen Bar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street in New York versammelt hatten, trauerten noch immer um die ein paar Tage zuvor verstorbene und an diesem Tag beerdigte Judy Garland. Die Stimmung war gedrückt und von Trauer aufgeladen als zu später Stunde gegen 1:20 eine Polizeirazzia das Lokal stürmte. Eigentlich nichts Ungewohntes in jenen Jahren, als regelmäßig solche Razzien in von Homosexuellen frequentierten Etablissements durchgeführt wurden. Ungewöhnlich war lediglich die Zeit – denn meist waren solche Razzien zum einen vorab angekündigt und fanden andererseits am frühen Abend statt, damit die Bars danach – zur Hauptgeschäftszeit – wieder öffnen konnten.

Wenn diese Razzien normalerweise ohne Widerstand abliefen, diejenigen verhaftet wurden, die entweder Frauenkleider trugen oder sich nicht ausweisen konnten, so sollte es an diesem Abend in dieser Stimmung ganz anders verlaufen als sonst. Durch was genau der Aufstand ausgelöst wurde, wird wohl für alle Ewigkeit ein Rätsel der Geschichte bleiben und die Aussagen der Zeugen widersprechen sich. Es muss jedoch alles sehr schnell gegangen sein. Die anwesenden Schwulen, Lesben und Transgender wehrten sich und schlugen zurück – es entstand eine Massenschlägerei in der Straße und die Polizei verbarrikadierte sich im nunmehr leeren Stonewall Inn. Doch die Meute gab keine Ruhe und versuchte den Laden anzuzünden oder mit herausgerissenen Parkuhren, die zu Rammböcken umfunktioniert wurden, zu stürmen. Das Ganze spitzte sich immer weiter zu. Es kamen immer mehr Menschen bis irgendwann geschätzte 2.000 Protestierende 400 Polizisten gegenüberstanden. Auch in den Folgetagen kam es an diesem Ort immer wieder zu Ausschreitungen, Schlägereien, Vandalismus und Festnahmen. Dennoch sollte diese Nacht den Lauf der Welt für viele Menschen verändern. Es war der erste Aufstand von Schwulen und Lesben gegen staatliche Unterdrückung und polizeiliche Willkür – der Anfang einer Schwulenbewegung, die es zwar auch vorher schon in Ansätzen gegeben hatte, die jedoch nie die Energie und die Dynamik entwickeln konnte, wie nach dieser Nacht.

Der Film „Stonewall“ aus dem Jahre 1995 bringt die Stimmung in dieser Nacht in der Bar schön zum Ausdruck und eine Szene hat sich mir seit dem ersten Sehen – vor meinem ersten CSD-Besuch in Köln im Jahre 1997 – ins Gehirn gebrannt. In einer früheren Szene des Films sah man, dass immer, wenn eine Razzia stattfand, der Türsteher die Anwesenden über ein Lichtzeichen informierte, dass die Polizei jeden Moment kommen würde. Dann versuchten sich die Drag Queens zu verstecken und man schaltete die Musik der Jukebox auf etwas Mainstreamigeres um. An diesem Abend jedoch sieht man nur, wie eine Hand mit lackierten Fingernägeln Richtung Jukebox greift und eine andere, geschmeidige Hand, die nicht geschmeidig genug wirkt, als dass sie zu einer Frau gehören würde, das Handgelenk der ersten fest umgreift und denjenigen daran hindert, das Lied zu wechseln. Dann das Gesicht einer Drag Queen, die kurz, aber nachdrücklich fordert: „Judy stays!“

Judy,  war eines der großen Idole gewesen, ebenso wie es ihre Tochter Liza Minelli einst werden sollte. Als Tochter eines homosexuellen Filmmanagers und nach ersten eigenen lesbischen Erfahrungen heiratete sie der Gerüchte wegen. Mit ihrem zweiten Mann, dem homosexuellen Alfredo Minelli bekam sie eine Tochter: Liza, die später mit Cabaret die Homosexualität in einer bis dahin ungekannten Kunstfertigkeit und Leichtigkeit auf die Leinwand brachte. Genug Stoff für eine Schwulenikone, die sich überdies noch mit ihrem größten Erfolg „The Wizard of Oz“ in die Herzen der schwulen Community sang. Nicht umsonst galt es damals als Erkennungszeichen untereinander, wenn man fragte: „Are you also a follower of the yellow brick road?“, in Anlehnung an den gelben Pflasterstweg des Films oder aber: „Are you also a friend of Judy?“

Es war die Zeit des Versteckens, die Zeit von geschlossenen Bars, in die man nur mit einem Passwort oder in Begleitung eingelassen wurde und die Zeit, in der viele genötigt waren, ihre Neigung im Dunkeln und Verborgenen zu leben. Dies sollte sich auch noch einige Jahrzenhte so halten und es lässt einen heute noch staunen, wenn man von älteren Schwulen erzählt bekommt, dass dies teilweise bin in die achtziger Jahre hinein noch so war. Erst seit 1993 ist Homosexualität keine von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte psyschiche Krankheit mehr. Wenn man bedenkt, dass keine zehn Jahre später die ersten homosexuellen Paare ihren Bund fürs Leben schließen konnte, sieht man, wie schnell sich eine Gesellschaft doch öffnen kann.

Doch genau dies verlieren leider vile jüngere Schwule heute aus dem Blick. Für sie – sofern sie in der Großstadt aufwachsen – gehört Schwulsein zum Leben wie McDonalds zu Deutschland. Alles ganz normal. Soll doch jeder lieben, wen er will. Doch gibt es sie auch heute noch: die Ressentiments, die offenen Beleidigungen, die verschlossenen Türen, die Prügel und gar die Morde – auch hierzulande. Selbst innerhalb des Schwulenviertels von Köln sind Bekannte von mir schon zusammengeschlagen worden.

Gerade dieser Tage, wenn man sich die – meist anonymen – Kommentare unter vielen der Berichterstattungen zu den CSD-Veranstaltungen durchließt, läuft einem oftmals ein kalter Schauer über den Rücken. Von Zweifel an der richtigen Lebensweise über falsch verstandenen Konservatismus bis hin zu offen geäußertem Ekel und blankem Hass ist hier alles zu finden. Auch wenn dies weitestgehend eine Mindermeinung ist in der heutigen Zeit, so regt sie jedoch zum Nachdenken an. Ebenso wie wenn man sich die Situation vieler Schwuler auf dem Land vor Augen führt, die auch heute noch versteckt leben müssen und Opfer von Ausgrenzung oder gar Gewalt werden.

An dieser Stelle möchte ich mich einmal bei all jenen bedanken, die es mir so einfach gemacht haben. Aufgewachsen in einem Eifeldorf, in dem Schwulsein nicht stattfand und erzogen an einem Gymnasium, an dem man sich erst outete, nachdem man sein Abitur in der Tasche hatte, bin ich doch nie wirklich diskriminiert worden – obwohl ich mich damals schon in der zehnten Klasse outete. Nagut, es gab auch hier den ein oder anderen blöden Spruch und auch Prügel sind mir angedroht worden, jedoch Gewalt habe ich, Gott sei Dank, nie erfahren müssen. Auch wenn natürlich hinter meinem Rücken viel gesprochen wurde, so hat man sich mir doch im direkten Kontakt meist offen oder zumindest nicht ablehnend gegenüber verhalten. Natürlich sind mir selbst im engsten Kreise nicht die Blicke entgangen, die kleinen Spitzen in Nebensätzen und die Distanziertheit im Kontakt – jedoch kann ich alles in allem sagen, dass ich sehr großes Glück hatte, in einem doch recht liberalen Umfeld groß geworden zu sein – so konservativ man dort auch war (und teilweise heute noch ist).

Ich denke, so schön die Paraden auch sind und so gerne ich dieses alljährliche Fest feiere, so sollte doch jeder auch in einem stillen Moment innehalten und sich vor Augen führen, dass es nicht überall glitzert und nicht überall gute Stimmung ist, wo sich Homosexuelle befinden. Man muss nicht über Deutschlands Grenzen hinausschauen, um der abscheulichen Fratze der Homophobie zu begegnen – es reicht ein Blick in die Außenbezirke und Vororte der Städte und man stellt erschreckt fest, dass zwar viel erreicht wurde, wir jedoch noch lange nicht am Ziel sind.

Ich wünsche allen, die auch heute noch diskriminiert werden und, die in einem Umfeld der Ignoranz und Vorurteile leben, die Kraft und Stärke, die sie benötigen und drücke ihnen fest die Daumen, dass sie dennoch ihren Weg finden und so leben können, wie sie es wollen. „Out of the closets and into the streets“, damit wir aller Welt zeigen können: „Judy stays!“

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Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Dreisteste im Land?

„Karl-Theodor, ihr seid der Dreisteste hier. Aber Silvana ist tausend mal dreister als ihr.“ So könnte es in einem modernen Märchen lauten. Bis zur Aberkennung ihres Doktorgrades, fand ich den Umgang Koch-Mehrins mit der Sache an sich recht clever. Hatte sie sich doch, anders als zu Guttenberg, bisher bedeckt gehalten und darauf verwiesen, dass man erst die Prüfung durch die Universität abwarten solle. Zumindest hat sie nicht gleich die Abstrusitätskeule geschwungen und Familie und Politik als relativierendes Überbelastungselement in die Diskussion geworfen. Doch was sie sich jetzt geleistet hat, übertrifft die Perfidität des ehemaligen Verteidigungsministers noch um Längen. Dieser hatte nämlich wenigstens nach seiner Entlarvung eingesehen, dass es besser sei, sich jetzt ruhig und unauffällig zu verhalten.

Auch wenn ich an sich kein gewalttätiger Mensch bin, so verspühre ich in diesem Falle das dringende Bedürfnis, sie an ihrem blonden Schopf zu packen und ihren Kopf so lange auf die Schreibtischkante zu schlagen, bis sie nicht mehr weiß, dass sie je eine Doktorarbeit geschrieben hat. „Doch warum erregt ihn ihr Verhalten so?“, wird sich jetzt der ein oder andere Fragen: „Sie hat doch auch ‚nur‘ abgeschrieben, wie zu Guttenberg.“

Richtig, hat sie, was an sich schon schlimm genug ist und warum dies an sich schon eine nicht zu akzeptierende Tatsache ist, habe ich hier im Zusammenhang mit der Causa Guttenberg schon lang und breit dargelegt. Doch sie geht jetzt noch einen Schritt weiter und verteidigt ihr Fehlverhalten damit, dass sie versucht, den schwarzen Peter der Universität zuzuschieben. Sinngemäß hat sie geäußert, dass man schon damals in den Gutachten darauf hingewiesen habe, dass es Mängel bei der Angabe von Quellen gegeben habe, ihre Arbeitsweise mithin bekannt gewesen und die Vergabe des Titels somit rechtens sei, da man ja in Kenntnis der eklatanten Schwächen der Arbeit dennoch zu dem Schluss gekommen sei, dass sie des Doktortitels würdig ist.

Es mag sein, dass die Gutachter seinerzeit Zweifel an ihrer Arbeitsweise hatten und diese auch in ihrer Beurteilung berücksichtigt hatten und daraufhin Abstriche in der Benotung gemacht hatten, was etwa auch die Bewertung „cum laude“ erklärt. Ich glaube allerdings nicht, dass den Gutachtern damals bewusst war, in welchem Umfang sie hier getäuscht worden sind. Zudem muss man bedenken, dass die Arbeit vor über zehn Jahren geschrieben worden ist, zu einer Zeit, in der es bei weitem nicht die technischen Möglichkeiten der Überprüfung gab wie heute.

Um es einmal zu versinnbildlichen: Sie verhält sich wie ein Mörder, den man aufgrund von Mangel an Beweisen freispricht, obwohl man berechtigte Zweifel hat, dass er wirklich unschuldig sei. Nach Jahren kann man ihn dann mittels neuer DNA-Analysen der Tat eindeutig überführen, was seinerzeit nicht möglich war. Und nun stellt sich dieser Mörder hin und sagt: „Ätsch – ich bin aber unschuldig, weil ihr mich durch das Urteil zu einem Unschuldigen gemacht habt. Es ist somit eure Schuld, dass ich nicht hinter Schloss und Riegel sitze.“ Dies ist eine so rotzfreche Umkehrung der Schuldfrage, dass einem die Worte fehlen, dies in vollem Umfang zu beschreiben.

Was glaubt sie eigentlich, wer sie ist, dass sie sich das Recht herausnimmt auf so nassforsche Weise der Universität Heidelberg ans Bein pinkeln zu wollen? Nicht nur, dass es sich hierbei um die Universität handelt, an der ich selber studiert habe, was meine Erregung zum Teil mitbegründet. Es ist nämlich eben keine Universität wie Bayreuth, die in der Nachkriegszeit erst aufgrund infrastruktureller Maßnahmen gegründet wurde, sondern die älteste Universität auf dem heutigen deutschen Staatsgebiet – nur Prag und Wien, die seinerzeit noch als deutsche Universitäten galten, sind älter. Als man hier schon im Jahre 1386 wissenschaftlich arbeitete, befand sich der Rest des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation noch weitestgehend in dem allumfassenden Bildungsvakuum des Mittelalters. Alleine die Philosophische Fakultät, gegen die sich diese FDP-Quotenbarbie jetzt auflehnt, hat Namen hervorgebracht wie Hannah Arendt, Joseph von Eichendorff, Hans-Georg Gadamer, Jürgen Habermas oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel – um nur einen Bruchteil zu nennen.

Ein bischen mehr Demut und Respekt – um nicht zu sagen Ehrfurcht – stünde ihr besser zu Gesicht. Wer jemals durch die Heidelberger Altstadt flaniert ist, weiß, dass dies einer der wenigen Orte ist, wo man europäische Geistesgeschichte quasi spüren kann. Bisher hatte ich ein solches Gefühl nur in Weimar und an der Pariser Sorbonne. Jeder Stein scheint einem zuzuflüstern, dass hier seit Jahrhunderten das Denken beheimatet ist. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Tag an der Universität Heidelberg, als ich damals von der Betonklotzuni Köln kommend, das erste Mal durch diese alten Gemäuer schritt und mir fast schon vor Ehrfurcht die Tränen kamen und ich mich am liebsten auf den Marmorboden der Treppe geworfen hätte, um meinem Schöpfer zu danken, dass er mir die Chance gegeben hat, in diesen heiligen Hallen zu studieren.

Somit ist ihr Verhalten nicht nur, wie im Falle zu Guttenbergs durch das Plagiieren ein Terroranschlag auf die Wissenschaft als solche, sondern hat in diesem speziellen Falle noch eine besondere Qualität. Wenn das Plagiieren dem Verfassen von heretischen Schriften gegen die katholische Kirche gleichkäme, so wäre ihre Verteidigung in etwa gleichzusetzen damit, dass sie auf den Altar des Petersdoms geschissen hätte.

Man mag jetzt dagegen halten, dass es diese Erhabenheit akademischer Institutionen eigentlich seit der 68er-Zeit nicht mehr geben sollte und in vielen Punkten finde ich auch persönlich, dass wir einen Modus gefunden haben, der der Überheblichkeit der Wissenschaften zurecht Schranken gesetzt hat. Doch geht es hier immer auch noch um etwas wie Würde einer Institution. Es gibt Dinge, die man nicht tut und die einfach indiskutabel sind: Man beschmiert keine Kirchenwände mit Graffitis.

Und ähnlich wie im Falle zu Guttenbergs wird dieses Verhalten auch noch von den eigenen Leuten kleingeredet. Dabei schadet sich die FDP, die sowieso nicht mehr viel zu verlieren hat, hiermit am meisten. Wer bereit ist, solch fundamentale Verstöße hinzunehmen, hat sich jedwede Grundlage selbst entzogen, noch in irgendeiner glaubhaften Weise für eine Leistungsgesellschaft einzutreten. Da wird das „Leistung muss sich wieder lohnen“ zum „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ des 21. Jahrhunderts.

Aber man muss dieser Abziehbildpolitikerin eins zu Gute halten: Auf Wahlplakaten und in Talkshows sieht sie unwahrscheinlich gut aus – wahrscheinlich der Hauptgrund, weshalb man sie hält. Schließlich gibt es genug Menschen in diesem Land, die sich in der Wahlkabine von optischen Qualitäten leiten lassen.

Sie kann nur froh sein, dass der Hexenturm, der sich gleich angrenzend an die Universitätsgebäude in Heidelberg befindet, nicht mehr in Betrieb ist. Denn in diesem Falle würde ihr auch das Motto der Uni „semper apertus“, welches für eine offene und vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit dem Gegenüber steht, nicht mehr helfen.

„Dem lebendigen Geiste“ zuliebe darf man ihr diese Dreistigkeit nicht nachsehen. Erbärmlich!

Es muss nicht immer der Gärtner sein

Gestern habe ich durch Zufall zum allerersten Mal die Verfilmung von „Tod auf dem Nil“ mit David Suchet in der Rolle des Hercule Poirot gesehen, erstaunlicherweise kam sofort im Anschluss auf einem anderen Sender die Verfilmung mit Sir Peter Ustinov. Somit hatte ich die perfekte Gelegenheit diese beiden Versionen miteinander zu vergleichen. Auch wenn Ustinov eigentlich nicht wie Hercule Poirot aussieht, da dieser in den Romanen als etwas kleiner, untersetzter Herr mit schwarzen Haaren und Oberlippenbart beschrieben wird, was besser auf das äußere Erscheinungsbild Suchets zutrifft, so finde ich dennoch, dass Ustinov die geeignetere Besetzung ist – dies gilt auch im Vergleich zu Albert Finney. Denn Ustinov schafft es, dieser Figur seinen ganz eigenen Charme zu verleihen.

Vor über zehn Jahren habe ich mal einen ganzen Sommer lang einen Agatha-Christie-Roman nach dem anderen gelesen und schon damals, weil ich zuvor als Kind schon die Filme gesehen hatte, gab es für mich nur einen phänotypischen Poirot und das was Ustinov. Beim gestrigen Direktvergleich fiel mir auch auf, dass die Ustinov-Version generll etwas geschickter gemacht ist. Der ganze Film wirkt dramaturgisch runder und etwas spannender, wohingegen die Suchet-Variante undramatischer daherkommt, wenn sie auch in den Außenszenen, also dann, wenn sich die Reisetruppe nicht gerade auf dem Schiff befindet, etwas unruhiger wirkt. Die frühere Ustinov-Inszenierung rückt zudem einige Dinge eher in den Vordergrund. So werden beispielsweise die verschiedenen Optionen, die Poirot durchspielt, wenn er jeden Einzelnen beschuldigt auch ausgespielt, was zur Veranschaulichung aber auch zur Verwirrung beiträgt. Die Hinweise, die den Zuschauer lenken sollen, werden feiner herausgearbeitet und alles in allem ist mehr Dramatik im Geschehen, auch weil die persönlichen Empfindlichkeiten und Eitelkeiten der Charaktere in dieser wesentlich hochkarätigeren Besetzung besser dargestellt werden.

Auch die Figur Poirots selber, kommt um einiges überzeugender daher, nicht zuletzt aufgrund des schauspielerischen Genies Ustinovs. Zum einen wäre da die Mischung aus britischer Überheblichkeit und kontinentalem Habitus zu nennen, die Poirot an den Tag legt. Diese Attitude des Empires mit einer Brise französicher – Entschuldigung, belgischer – Grundstimmung. Dies kommt auch dadurch, dass auf disen Running-Gag hier wesentlich mehr Wert gelegt wird und auch der Sprachwitz öfter zum Tragen kommt, etwa wenn Poirot eine Muräne serviert bekommt, obwohl er darum bat, dass man ihm Morcheln bestelle, nur weil der Beauftragte „morille“ falsch übersetzt, oder der übezeugte Junggeselle verdutzt angeschaut wird, weil statt „j’ai faim“, „j’ai famme“ verstanden wurde.

Doch die besondere Gabe von Ustinovs Darstellung ist, dass man ihm quasi dabei zuschauen kann, wie Poirot denkt. Fast gewinnt man den Eindruck, sein Gehirn funktioniere mechanisch und man könne jeden Moment die Räder rattern hören. Auch steht wesentlich deutlicher im Vordergrund, dass er alle Anwesenden so lange verdächtigt, bis er sich ihrer Unschuld bewusst ist – ein zentrales Element der Figur Poirot, der via Ausschlussverfahren mit Hilfe seiner „kleinen grauen Zellen“ noch jeden Fall gelöst hat.

Diese Herangehensweise unterscheidet ihn nämlich von der anderen großen Christie-Figur Miss Marple, die ihrerseits den Möder meist dadurch findet, dass sie Analogien entwickelt. Entweder indem sie die Beteiligten mit ihr Bekannten Personen vergleicht, um Rückschlüsse auf den Charakter zu ziehen oder indem sie in dem Fall eine Parallele zu einem ihrer heißgeliebten Kriminalromane entdeckt, wie es in „Mörder Ahoi“ der Fall ist.

Letzteres ist übrigens ein wunderbares Beispiel, wie Agatha Christie durch Querverweise das Lesevergnügen um ein vielfaches erhöht. Der Roman im Roman trägt nämlich in diesem Falle den Titel „The Mousetrap“, eben jenen Titel, den Shakespeare in Hamlet seinem Spiel im Spiel verleiht. Auch sonst findet man bei der Krimiautorin eine vielzahl von Referenzen. So kann man fast sagen, dass Agatha Christie in ihrem ganzen Werk immer wieder Werbung für die eigenen Geschichten versteckt. So zum Beispiel, wenn Nebencharaktere Hercule Poirot ansprechen um ihm mitzuteilen, dass sie schon viel von seinen Fällen gehört hätten, allen voran den „ABC-Morden“ oder gar eine Reise sich über mehrere Romane erstreckt, wie im Falle von „Tod auf den Nil“, welches auf der gleichen Reise Poirots angesiedelt ist, wie „Mord im Orientexpress“.

Zu „Mord im Orientexpress“ gibt es noch eine interessante persönliche Anekdote: Seinerzeit hatte ich den Roman gelesen und war, wie so oft, bis zum Schluss nicht auf die Lösung gekommen. Als ich mir dann den Film anschaute, stieß mein Bruder hinzu, der damals noch die Angewohnheit hatte, ständig zu fragen, was denn nun passieren würde. Da ich jedoch mit der Antwort nicht rausrückte, stand er irgendwann verärgert auf und meinte: „Der Film ist langweilig – entweder war es keiner oder es waren alle.“ Eben jene beiden möglichen Ausgänge, die Poirot bei der Auflösung skizziert.

Generell mag ich die Art und Weise, wie Agatha Christie in ihren Romanen die Handlung entspinnt, uns auf falsche Fährten setzt aber dennoch genug Hinweise streut, die einen den Fall eigentlich auch selber lösen lassen könten. Meine beiden Lieblingsgeschichten sind zum einen „Zehn kleine Negerlein“ (weder mit Miss Marple noch mit Poirot), in der es eine erstaunliche Wendung gibt, sowie „Nikotin“ (so der etwas unglückliche deutsche Titel von „Three Act Tragedy“, der jedoch vom deutschen Filmtitel „Tödliche Partys“ noch unterboten wird), in dem Hercule der Erkenntnis wegen sogar einen Mord inszeniert – nicht, dass es nicht auch den Fall gäbe, indem er sogar persönlich zur Waffe greift oder gar selbst zum Opfer wird.

Leider ist bei den Titeln immer etwas Verwirrung angesagt, da die Filme zum Teil anders heißen als die Romane und auch die Übersetzungen teilweise völlig daneben sind. Da wird aus dem Roman „Das Rätsel um Arlena“ mal eben „Das Böse unter der Sonne“ oder es wird noch dreister verfälscht, indem eine Geschichte, die ursprünglich ein Poirot-Fall war, Miss Marple zur Lösung gegeben wird wie in „Der Wachsblumenstrauß“. Dabei ist es nicht nur die unterschiedliche Herangehensweise, die diese beiden Reihen voneinander unterscheidet, sondern eben auch die jeweils innere Logik der Fälle. So sind auch andere Figuren über Romangrenzen hinweg in sich konsistent und geschlossen, wie etwa Athur Hastings oder Tommy und Tuppence Beresford, deren Geschichten eher den Spionageromanen zuzurechnen sind.

Auch wenn ich lange keinen ihrer Romane mehr gelesen habe, so liebe ich die Geschichten von Agatha Christie ganz besonders natürlich auch die Verfilmungen mit den beiden besten Darstellern für ihre jeweiligen Rollen – Ustinov als Poirot und Rutherford als Marple. Sehr empfehlen kann ich auch „Zeugin der Anklage“ mit der göttlichen Marlene Dietrich in der Titelrolle, was unter anderem auch das erste Theaterstück war, in dem ich mitgewirkt habe. Dieses ganze Krimiuniversium ist immer wieder ein Ort, in den man gerne eintaucht und besonders die Poirot’sche Welt hat es mir angetan – nicht zuletzt habe ich durch ihn gelernt, dass „Guiseppe Verdi“, wäre er Deutscher gewesen, „Josef Grün“ geheißen hätte.

Mehr auf Reden als aufs Reden konzentrieren

Von unserem Altkanzler Helmut Schmidt ist bekannt, dass er schon immer ein gespaltenes Verhältnis zu der, wie er sie nannte, „journalistischen Klasse“ hatte. Das mag vielleicht auch damals ein wenig überzogen gewesen sein, jedoch wünscht man sich heute eine solche Haltung bei unseren Spitzenpolitikern in Ansätzen zurück. Gut, wir leben in einer Mediendemokratie, aber muss es deswegen zu solchen Verrenkungen kommen, wie sie M.C. Escher nicht besser hätte malen können, dass die Politik den Medien im Schoß hockt und die Medien der Politik?

Was sich nicht nur in der aktuell laufenden EHEC-Krise zeigt, scheint mir symptomatisch zu sein für unser heutiges Verständnis der „vierten Gewalt im Staat“. Es geht darum Meldungen zu produzieren, was in gerade zu inflationärer Weise sowohl von Journalisten als auch Politikern mit Vorliebe betrieben wird. Jeder gibt gefragt oder ungefragt zu jeder Zeit an jedem Ort zu jedem Thema sein Statement ab: Das Statement um des Statements Willen. Aktion – Reaktion, Frage – Antwort, Ereignis – Bewertung. Es wird palavert, kommentiert, beurteilt, kritisiert, angemerkt und eingeworfen – in Echtzeit und tickertauglich. Das neudeutsche Wort Statement umreißt dies sehr gut, denn im Gegensatz zur althergebrachten Aussage, sagt dieses meist wenig bis nichts aus.

Wie angedeutet liegt die Schuld nicht alleine an demjenigen, dem ein solches Statement abverlangt wird, sondern vielmehr an der Gier der Öffentlichkeit nach Schlagzeilen und Neuigkeiten. Wenn ein Politiker zu einem Treffen geht, wird er am Eingang abgefangen und von Journalisten belagert, die von ihm wissen möchten, was denn jetzt besprochen werde und es sind dieselben Journalisten, die am Ausgang auf ihn warten, um ihn zu fragen, was denn jetzt besprochen wurde. Da dies natürlich zu jeder Zeit und jedem Ort mit jedem Politiker passiert, ergibt sich eine Flut der Statements, aus der ein Politiker nur dadurch herausstechen kann, in dem er sich selber noch einmal äußert. Um sich zu profilieren, ist er genötigt, sich zu äußern. Ich rede, also bin ich.

Um das aktuelle Beispiel aufzugreifen: Herr Bahr versichert am vergangenen Samstag der Öffentlichkeit, dass die Quelle des Darmkeims definitiv bei den Gurken zu finden sei, obwohl eben jene Öffentlichkeit längst von anderen Stellen eines besseren belehrt wurde und weiß, dass die Sprossen der neue Staatsfeind Nummer Eins sind. Einen Tag darauf sitzt er bei Frau Will im Studio und verlautbart mit derselben Selbstsicherheit, dass nun doch die Sprossen an allem Schuld seien, obwohl er weiß, dass die nötigen Überprüfungen erst am Folgetag stattfinden. Hauptsache etwas gesagt und dem nach Nachrichten geifernden Volk einen Brocken hingeworfen. Es wird sich sowieso nur einen Happen davon nehmen, bis ihm das nächste Stück vor Füßen liegt – verdaut wird hier nichts mehr. Dafür gibt’s nach jedem Essen eine eigens einberufene Pressekonferenz.

Auch der Tag eines Politikers hat nur vierundzwanzig Stunden, schaut man sich jedoch die Nettoredezeit einiger exponierter Exemplare an, so hat man den Eindruck, dass neben anderer Termine, Reden und Talkshows da nur noch wenig Zeit bleibt, sich auch einmal mit der Sache zu beschäftigen, um die es einem geht. Natürlich besteht Politik zu einem großen Teil aus Sprache, aus der Fähigkeit andere durch seine Argumente zu überzeugen und seine Sicht der Welt anderen kundzutun. Jedoch gehört zu einem solchen Prozess notwendigerweise auch die Zeit des Denkens, Grübelns und Reflektierens dazu.

Doch diese gibt es in unserer heutigen Zeit nicht mehr und für das Eingeständnis: „Entschuldigen Sie, darüber muss ich erst nachdenken“ oder gar „Tut mir leid, aber das weiß ich nicht“, hat keiner die Courage. Egal ob es zum eigenen Thema gehört oder nicht, es wird sich geäußert. Da lassen sich Außenpolitiker über Sozialgesetzgebung aus, Innenpolitiker kommentieren die Gesundheitspolitik und Justizpolitiker erklären, was es mit was weiß ich nicht auf sich hat. Die Medienvertreter sind oftmals froh, dass jemand mit ihnen spricht und befragen denjenigen gleich zum kompletten Parteiprogramm und verstärken dies dadurch noch. „Herr Westerwelle, was sagen sie zu der Gesundheitsreform?“ „Frau Aigner, wie stehen Sie zu den Äußerungen des Herrn Ramsauers zu Stuttgart 21?“

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ so der oft fehlzitierte Satz des Sokrates, der genauer heißen müsste: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ und der exemplarisch für genau dieses Problem steht. Sokrates geht es nämlich um den Erkenntnisprozess der das wahre Wissen vom Scheinwissen, Halbwissen und Meinen abgrenzt. Ebenso wird ihm eine Anekdote zugeschrieben, in der er davon spricht, dass man bevor man eine Aussage trifft, deren Gehalt durch drei Siebe laufen lassen solle. Das erste ist die Wahrheit: Ist das, was ich sage wahr? Das zweite die Güte: Ist das, was ich sage gut? Und das letzte ist die Notwendigkeit: Ist das, was ich sage notwendig? Man soll jetzt nicht überkritisch sein, denn jeder von uns verstößt tagtäglich vielfach gegen diese Kriterien, jedoch sind ebenjene in der Politik seit langem nicht mehr beheimatet.

Ebensowenig wird beachtet, ob man überhaupt den richtigen Adressaten anspricht. Es war zwar schön und gut von Frau von der Leyen, dass die ganze Medienlandschaft in Deutschland darüber informiert wurde, wann und weshalb in ihrem Bildungspaket ein Komma durch ein Semikolon ersetzt wurde, jedoch hätte sie in der gleichen Zeit, in der sie sich mit Frau Schwesig bei Frau Will darüber stritt, sich die Mühe machen können einen Informationsbrief an die Leistungsempfänger dieses Bildungspaketes zu schreiben. Sie hätte dann sogar die Zeit gehabt, dies handschriftlich zu tun. Denn leider wurden viele der Menschen, die es angeht, nicht informiert, da sie ihr knapp bemessenes Geld meist nicht in Zeitungsabonements investieren. Aber so gab es dann wiederum Gelegenheit für einen neuerlichen Presseauftritt, um sich darüber zu wundern, dass das Paket nicht angenommen werde und medienwirksam zu verkünden, dass man jetzt die Betroffenen besser informieren wolle.

Eine sprachtheoretische Theorie, die man nicht erst im linguistischen Hauptseminar erlernt, sondern die in jedem Deutschbuch der Unterstufe zu finden ist, besagt, dass zu einer Kommunikation ein Sender eine Botschaft an einen Empfänger schickt und diese über einen gemeinsam bekannten Code transportiert. Doch dann sind wir schon beim nächsten Problem. Denn um die eben erwähnte fehlende Reflexion zu kaschieren, muss man seine Aussage dergestalt übercodieren, dass das Gegenüber nicht auf zu offensichtliche Weise mitbekommt, dass man nicht wirklich etwas zu sagen hat. An diesem Punkt beginnt dann das verbale Schaumschlagen und die Kunst der Phrasendrescherei. Zehn Minuten sprechen ohne etwas zu sagen.

Da diese Phrasen jedoch so oft genutzt werden und daher im Bewusstsein dermaßen präsent sind, kann man es eigentlich einer Frau Merkel nicht verübeln, wenn sie sich über den Tod Osama bin Ladens freut. Denn es gehört ja zu ihrem Job, sich fast schon reflexartig zu freuen, sobald das rote Licht an der Kamera angeht. „Ich freue mich, dass die Arbeitslosenzahlen…“, „Ich freue mich, mit Herrn Obama…“, „Ich freue mich, das wir in den Verhandlungen…“, „Ich freue mich…“, „Ich freue mich…“, „Ich freue mich…“

Mit dem Weber’schen Augenmaß und der Leidenschaft zur Sache hat dies nichts mehr zu tun – vielmehr liegt hier eine kommunikative Freund-Feind-Unterscheidung Schmitt’scher Prägung zugrunde: Wenn der politische Freund was sagt, muss ich ihm mit einem Statement zur Seite springen und den Feind umgehend widerlegen, um daraus meine eigene Existenz abzuleiten.

Und weil ununterbrochen geprabbelt und geschwätzt und keine Gelegenheit ausgelassen wird, die Zeitungen mit den eigenen Aussagen zu befüllen, kommt es dann auch schon mal vor, dass man Überlastungserscheinungen zeigt und innerhalb von nur zehn Minuten in einen Bahnhof einsteigt, damit die bayerischen Städte näher an die Welt heranwachsen oder so ähnlich. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, dann bindet man dem Volk noch schnell einen Problembär auf. Schon Loriot hat dies in einem seiner Sketche auf herausragende Weise persifliert, in dem er eine Bundestagsrede aus Floskeln arrangiert hat, die nichts besagt.

Dies tat er zu einer Zeit, als es noch nicht üblich war, rund um die Uhr in Kameras zu quatschen, da es diese in der heute anzutreffenden Häufigkeit noch gar nicht gab. Einmal mehr ein Beweis für die Weitsicht und Genialität dieses deutschen Komikers, der nebenbei erwähnt, sehr lange und gut über jeden seiner Scherze nachgedacht hat und in dieser Hinsicht auch nicht des Probens müde wurde, bis die letzte Silbe seinem Perfektionismus gerecht wurde – etwas, was er mit einem seiner Kollegen, Heinz Erhardt teilt. Nicht wie der Großteil der heutigen Comedians – aber das führt zu weit.

Zurück zur Bundestagsrede, die eigentlich die Königsdisziplin eines jeden Politikers sein sollte. Denn hier bereitet man sich vor, macht sich Gedanken und ist auch in der Lage komplexere Sachverhalte im ihnen angemessenen Umfang auszuformulieren. Freilich hat es auch hier in der Vergangenheit immer wieder dummes Geschwätzt gegeben – allerdings war dies dann meist sorgfältig vorbereitet und auf einem qualitativ höheren Level als das Dahingeseiere heutzutage. Jedoch verkommt diese Art der Präsentation zunehmens und gäbe es nicht einen öffentlich-rechtlichen Auftrag, der wenigstens Phoenix dazu bringt, die Debatten zu übertragen, so würden diese in der Öffentlichkeit wohl nur in Form zusammenfassender Statements von aus dem Bundestag eilenden Politikern wahrgenommen werden.

Im Geschichtsleistungskurs mussten wir damals bändeweise Parlamentsreden lesen, da unser Lehrer der Meinung wahr, dass wir nur so, die zum Teil recht komplexen Zusammenhänge verstünden. Doch was werden kommende Generationen studieren und als Quelle für ihre Erkenntnis zugrunde legen? Ich wage es mir nicht auszumalen, aber ich befürchte, es werden Quellen sein, die über maximal 140 Zeichen verfügen.

Man wünscht den ganzen Statementgebern heutzutage viel öfter, dass ihnen ihre dahingeworfenen Sätze ebenso zum Verhängnis werden wie seinerzeit, aus seiner Sicht, Herrn Schabowski. Getreu der Kette: Uninformiert – unverzüglich – unabänderlich. Mit fehlendem Detailwissen Geschichte schreiben. Doch leider wird das Spiel weitergehen und es nach jeder Talkshow, nach jedem Interview und jeder Pressekonferenz weiterhin heißen: Die Klappe zu und alle Fragen offen. Der Rest wäre manchmal besser Schweigen. Cogito ergo sum!

Dirigent der Grausamkeiten – Intendant des Ekels

Im Rahmen eines Seminars „Growing up in the 20th century“ an der Uni Köln bin ich das erste Mal auf Ian McEwan gestoßen. Seitdem faszinieren mich die Geschichten dieses Autors. Mit den Jahren habe ich einen Großteil seiner Erzählungen und Romane gelesen, wenn auch leider noch nicht den zuletzt erschienen Roman „Solar“, und McEwan schaffte es bisher jedes Mal mich in seinen Bann zu ziehen. Mit sämtlichen Literaturpreisen zurecht ausgezeichnet, gilt McEwan wohl als einer der besten zeitgenössischen Autoren und ist seit den Verfilmungen von „Enduring Love“ und besonders „Atonement“ auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Aufgrund meiner Begeisterung habe ich ihn bei der Themenauswahl meiner Magisterprüfung gewählt, obwohl ich bis auf „The Cement Garden“ im Rahmen meines Studiums keines seiner Bücher behandelt hatte. Zu Beginn der mündlichen Prüfung wurde mir die Frage gestellt, wie ich zu seinem Spitznamen „Ian Macabre“ stünde, den man ihm nach Veröffentlichung seiner ersten Publikationen verliehen hatte. Eine überaus interessante und spannende Frage, über die man wohl stundenlang referieren könnte. Soweit ich mich erinnere antwortete ich damals in etwa, dass gerade in seinen frühen Texten das Makabere im Vordergrund stehe, jedoch in seinen späteren Geschichten zugunsten einer subtilen Psychologisierung der Charaktere in den Hintergrund trete. Für eine kurze Einschätzung soweit richtig, jedoch ist diese Subtilität auch schon in den älteren Texten vorhanden. McEwan ist ein Meister des Details; nichts, was er erwähnt, ist bedeutungslos und oftmals sind es gerade die scheinbaren Nebensächlichkeiten, die einen zentralen Schlüssel zur Interpretation beinhalten.

Einige Leser dürften von dem Makaberen vielleicht abgeschreckt werden, denn er provoziert und polarisiert gerne durch das Extreme, doch lässt man sich auf seine Geschichten ein und schaut auch hinter die grobschlächtigen Darstellungen, so stößt man immer auf ein genial zusammengesetzes Mosaik, in dem jedes Steinchen an der richtigen Stelle sitzt und das erst in seiner Gesamtheit ein mehrdimensionales Bild entstehen lässt. Zudem sind seine Inhalte immer, und da hat er eine große Gemeinsamkeit mit Umberto Eco, bis in die Feinheiten hinein recherchiert. Bestes Beispiel dafür mag die Darstellung des psychisch gestörten Liebenden in „Enduring Love“ sein, der am Clérambault-Syndrom erkrankt ist. McEwan schildert nicht nur die Auswirkungen dieser Störung auf eben den Kranken, sondern auch auf das Opfer sowie die Auswirkungen auf dessen zwischenmenschliche Beziehungen. Selbst wenn sich Charaktere bei einem Essen über ein Thema unterhalten, so hat man oft den Eindruck, als würde man in einem Fachbuch zum Thema lesen, so sehr sind solche Szenen gespickt mit Einzelheiten.

McEwan ist ein Bildhauer der menschnlichen Psyche und schafft es auf fesselnde Weise, uns vorzuführen, wie der Mensch denkt und wie irrational das Gehirn bisweilen funktioniert. In „Saturday“ beobachtet der Protagonist zu Beginn der Geschichte zufällig einen Flugzeugabsturz und ihm kommt, weil er Mediziner und somit sehr naturwissenschaftlich geprägt ist, die Assoziation an Schrödingers Katze. Er fragt sich, ob die Insassen des Flugzeugs wohl noch am Leben seien. Ein einziger, nebensächlicher Gedanke nur, der jedoch im Laufe des Romans immer wieder aufgegriffen wird. Wie ein Ohrwurm kehrt diese Assoziation immer wieder in die Gedanken des Protagonisten zurück, sei es durch externe Einflüsse oder aber durch ein Ausschweifen seiner Reflexionen. Nicht umsonst wird der komplexe Prozess des Denkens in diesem Roman dadurch plastisch dargestellt, schließlich ist der Protagonist Neurochirurg und dieses Themenfeld zentrales Element der Geschichte. Selbst in Momenten, wenn man nicht damit rechnet, klopft dieses Leitthema wieder an und schafft einen Bogen durch die Geschichte, der auf den ersten Blick wenig mit der Haupthandlung zu tun haben scheint.

Es sind solche Bögen, die die besondere Attraktivität seiner Geschichten ausmachen und über die man beim ersten Lesen gerne hinwegliest. Doch wenn man einige seiner Romane gelesen hat, lernt man, auf solche Zusammenhänge zu achten und erkennt, dass, wie eingangs erwähnt, darin oftmals wirkungsstarke Schlüssel zu einer tieferen Ebene liegen. So enthält beispielsweise der Fakt, dass in „The Cement Garden“ der Vater zu Beginn genau in dem Moment mit dem Gesicht im Zement erstickt, als der Sohn sich mastubierend auf sein Zimmer zurückgezogen hat, eine tiefere Ebene, die unendliche Interpretationsmöglichkeiten eröffnet, wenn man das Einzementieren der toten Mutter im Zentrum des Romans betrachtet.

Durch die Überzeichnung des Widerwärtigen aktiviert McEwan das Denken des Lesers. Er fordert ihn heraus – nicht nur, in dem er zu sagen scheint: „Du musst diese vulgäre Darstellung jetzt aushalten“, sondern er stößt uns noch einen Schritt weiter und macht uns klar: „Auch in dir ist dieses abstoßende Verhalten latent vorhanden.“ Er führt uns auf eine Gratwanderung am Abgrund der menschlichen Psyche. Natürlich identifiziert man sich nicht mit einem Teenager, der seine kleine Schwester vergewaltigt, wie in einer seiner Kurzgeschichten in „First Love, Last Rites“. Doch schaut man sich dann an, wie es zu dieser Tat gekommen ist, nämlich dadurch, dass der Junge in einem Wettstreit der Grenzüberschreitungen mit seinem Freund steht, so erkennt man, dass hier ein Prozess geschildert wird, der auch jeden von uns immer wieder an den latenten Punkt bringen kann, den man überschreitet ohne es zu merken und welcher dann in eine Katastrophe führt, die man aufgrund der schleichend veränderten Wahrnehmung nicht mehr als solche realisiert. Das Erwachen am Ende ist für beide gleichermaßen schockierend – für den Leser ebenso sehr wie für den Protagonisten.

In fast allen seinen Geschichten setzt McEwan solche Punkte. Es sind einzelne Gedanken, einzelne Aussagen oder einzelne Handlungen, die die Lawine ins Rollen bringen und in die allumfassende Zerstörung führen. Die missverstandene Aussage eines jungen Mädchens und deren Fehleinschätzung zerstört in „Atonement“ nicht nur das Leben der beiden frisch Verliebten, sondern auch das der Hauptfigur, die mit dieser Schuld ein Leben lang nicht fertig wird, bis sie kurz vor ihrem Tod ihren ganz individuellen Weg findet, Abbitte zu leisten. Ein falsch verstandener Satz in „For You“ zieht Konsequenzen nach sich, die unaufhaltsam das Gegenteil dessen heraufbeschwören, was man beabsichtigte. Die gegenseitige falsche Bewertung des Verhaltens des Freundes in “Amsterdam” offenbart eine perfide, selbstdestruktive Komponente eines gegebenen Versprechens.

All dies immer in einer beklemmenden Atmosphäre – einerseits durch die Konstruktion der Gesamtszenerie, wie etwa in „The Innocent“, welches im zwielichtigen Untergrund des geteilten Berlins angesiedelt ist, andererseits jedoch auch durch einzelne Vorkommnisse wie in „The Comfort of Strangers“, wo ein Foto an der Wand offenbart, dass der vermeintliche Fremde einem näher steht, als einem angenehm ist. Ian McEwan seziert die Gesellschaft, das Individuum,  die Psyche. Das Zufällige, Ungewollte und Unbewusste wird zur Initialzündung einer Reise ins Destruktive – zur unaufhaltsamen Schubkraft ins Abgründige. Es sind nicht die großen Beschlüsse, die dem Schiksal den Weg weisen, sondern die winzig kleinen Details, die über Erfolg oder Verdammnis entscheiden. Der Funke, der die Explosion entzündet, deren Gefahr man sich nicht einmal bewusst war.

Egal welche Geschichte man liest, in jeder findet man einen Spiegel, in den man eigentlich nicht blicken möchte und der einem vor Augen führt, dass auch in uns, so schön uns unser Gesicht auch vorkommen mag, die Fratze des Bösen entgegengrinst.

P.S.: Wessen Neugierde jetzt geweckt ist, dem empfehle ich als Einstieg den Roman „Atonement“, denn dieser ist von einer oberflächlichen Zartheit und gleichzeitigen inneren Tiefe, die den Leser auf sanfte Art und Weise an die Vorgehensweise von McEwan heranführt, ohne ihn gleich durch das Morbid-Makabere abzuschrecken.